Manchester Citys Triumph : Bernd Trautmann: „Das Stadion ist explodiert“

Bernd Trautmann, der Deutsche, der nach der Kriegsgefangenschaft in England blieb und mit Manchester City als Torwart Triumphe feierte, spricht mit dem Tagesspiegel über Citys erste Meisterschaft seit 1968.

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Legende. Bert Trautmann, 88. Foto: dapd
Legende. Bert Trautmann, 88. Foto: dapdFoto: ddp

Ein medizinisches Wunder erlebten die Zuschauer 1956 im Londoner Wembleystadion. Beim FA-Cup-Finale zwischen Manchester City und Birmingham City wurde Bernd „Bert“ Trautmann, der deutsche Torwart von Manchester City, eine Viertelstunde vor Schluss von einem Gegenspieler am Nacken getroffen. Trautmann, der zum Kriegsende in britische Gefangenschaft geraten war, spielte unter Schmerzen trotzdem durch. Röntgenbilder ergaben später, dass er sich das Genick gebrochen hatte. Wegen seines Durchhaltewillens und seiner überragenden Leistungen genießt Trautmann, der von 1949 bis 1964 bei City spielte, bis heute Heldenstatus in Manchester. Wir erwischten das 88-jährige Torwartidol am Montag im Hotel.

Herr Trautmann, durch zwei Tore in der Nachspielzeit gegen Queens Park Rangers hat ihr alter Verein Manchester City in England die erste Meisterschaft seit 1968 gewonnen. Wie haben Sie den hochdramatischen Titelgewinn erlebt?

Ich bin gerade in England bei meinen Kindern und war natürlich im Stadion. Sie sagen es: Hochdramatisch das Ganze! Viele können wohl bis heute noch nicht fassen, was da passiert ist. Im Grunde war die Meisterschaft ja verloren.

Und dann trafen Edin Dzeko und Sergio Agüero innerhalb von zwei Minuten und City schob sich in der Tabelle vor Stadtrivale United.

Uniteds Spiel bei Sunderland war längst aus, als bei uns die Nachspielzeit lief. Die haben sicher von der 2:1-Führung der Rangers gehört und sich schon als Meister gefühlt. Dann mussten sie die gleiche Gefühlswelt durchleben wie die Bayern 1999 im Finale der Champions League.

Das Wahnsinnsfinale in der Premier League
Freude in Hellblau. Manchester City ist erstmals seit 1968 wieder Meister in England. Der Jubel hier galt aber zunächst einmal Pablo Zabaletas 1:0 kurz vor der Pause.Weitere Bilder anzeigen
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13.05.2012 18:11Freude in Hellblau. Manchester City ist erstmals seit 1968 wieder Meister in England. Der Jubel hier galt aber zunächst einmal...

Bayern München führte damals 1:0, ehe Manchester United durch zwei Tore kurz vor Schluss den Titel holte. Ausgleichende Gerechtigkeit?

So würde ich das nicht sagen. Der Bessere soll gewinnen. United hatte damals den Titel verdient, so wie City jetzt.

Haben Sie auf der Tribüne denn noch daran geglaubt, als die Nachspielzeit angezeigt wurde?

Nein. Es sah ja auch nicht danach aus. Die Rangers haben mit einem Mann weniger aufopferungsvoll verteidigt, City fiel nichts ein. Als Agüero dann den Siegtreffer schoss, ist das Stadion explodiert.

Und Sie mit?

Ich habe mich auch gefreut, aber für die Fans war es was ganz Besonderes. Nach dem Abpfiff ging es richtig los mit der Feierei. Mehr als zwei Stunden hat es gedauert, bis wir aus dem Stadion gekommen sind. Die Leute haben den Verkehr rundum zum Erliegen gebracht.

Zu Ihrer aktiven Zeit war Manchester City ein Arbeiterklub, nach der Übernahme durch einen Scheich aus Dubai gilt der Verein als neureicher Emporkömmling. Schmälert das die Meisterschaft?

Gestern waren viele Jugendliche und Kinder im Stadion. Das ist eine neue Generation, die in die heutige Fußballwelt hineingeboren wurde. Denen ist egal, ob die Spieler für viel Geld eingekauft wurden. Andere Vereine an der Spitze machen es ja genauso. Für manch älteren Fan hat die heutige Ausrichtung sicher einen faden Beigeschmack.

Für Sie auch?

Wie schon gesagt, wir leben heute in einer anderen Zeit. Wer im Fußball Erfolg haben will, wird ohne die nötigen finanziellen Mittel nicht auskommen.

Das Gespräch führte Sebastian Stier.

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