Marcel Reifs Kolumne : Alles Derby, oder was?

Wenn man großzügig ist, gab und gibt es an diesem Spieltag drei Derbys. Eigentlich ist alles ein Derby, glaubt da schon unser Kolumnist und begibt sich auf Geschichts-Exkurs.

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Derbystimmung in Hannover: Braunschweigs Fans im Gästeblock.
Derbystimmung in Hannover: Braunschweigs Fans im Gästeblock.Foto: Imago

Jetzt war also am Samstag das Spiel der Bayern gegen Augsburg auch schon ein Derby. Am Freitag war das Spiel von Hannover 96 gegen die Eintracht aus Braunschweig auch ein Derby. Und wenn Freiburg gegen Stuttgart spielt, ist das sicher auch ein Derby. Eigentlich ist alles ein Derby.

Das Derby geht zurück aufs Mittelalter, als die Einwohner zweier benachbarter Gemeinden des Dorfes Ashbourne in der Region Derbyshire aufeinander losgingen und dabei versuchten, mit einem Ball, das gegnerische Tor zu berühren. Das war im Übrigen ein Mühlstein. Etwa 1000 Fußballpioniere waren daran beteiligt, zwischen den Mühlsteinen lagen ungefähr drei Meilen. Also weniger, als zwischen Gelsenkirchen und Dortmund (Revier- Derby), viel weniger als zwischen München und Stuttgart (Süd-Derby) oder Hamburg und Bremen (Nord-Derby). Aber selbst wenn wir die Entfernung außen vor lassen, bei allem Respekt vor den Augsburgern – hat Derby nicht auch etwas mit gleicher Augenhöhe zu tun?

Aber ernsthaft, gibt es Derbys überhaupt noch? Das berühmteste, das zwischen Celtic Glasgow und Glasgow Rangers, bei dem auch ein Religionskrieg ausgefochten wurde, findet nicht mehr statt, weil die Rangers in die vierte Liga zwangsversetzt wurden. In Buenos Aires kämpfen die Boca Juniors mit River Plate um die Vorherrschaft in der Stadt.

Marcel Reif
Marcel Reif. TV-Reporter und Tagesspiegel-Kolumnist.Foto: dpa

Aber das Derby möchte man eigentlich nicht als Derby mit Romantik bezeichnen, weil es immer auch eine Orgie der Gewalt ist. Nicht auf dem Platz, aber vor dem Stadion und in der Kurve. Es ist wie in Rom, wo die Roma sich mit den politisch Rechten von Lazio rumärgert, also, ich würde zu diesem Spiel nicht freiwillig hingehen.

Wenn man auch noch den Gewaltaspekt solcher Derbys außen vor lässt, lebt so ein Derby natürlich von der Romantik. Oben gegen unten, arm gegen reich, Arbeiterklub gegen Bonzenklub. Das stimmte vielleicht mal. Es stimmt nicht mehr. Manchester City war Jahrzehnte lang ein Klub am Rande, nicht ernst zu nehmen von United. Heute: Millionenschwer wie United, der vermeintliche Rivale.

In der Bundesliga haben wir keine Stadt mehr mit zwei Bundesligisten. Und wenn? Stellen wir uns mal Hertha gegen Union vor. Ein Derby der klassischen Zeit, bei dem die Emotionen hoch kochen? Nein, wirklich nicht. Wie auch Schalke gegen die Borussia aus der Nähe von Lüdenscheid kein Derby mehr ist. Die Romantik ist raus. Und wenn kriminelle Idioten wie bei Hannover gegen Braunschweig einen Gewaltexzess vorführen, dann nicht, weil Hannover und Braunschweig nahe beieinander liegen, sondern weil sie kriminelle Idioten sind. Wir sollten aufhören, von Derbys zu reden.

Marcel Reif ist Sky-Chefkommentator.

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