Sport : Marcelinho schlägt Mainz

Der Brasilianer führt Hertha BSC zum 3:1-Sieg über einen eigentlich besseren Gegner

Michael Rosentritt

Berlin - Dieter Hoeneß erging es nach dem Anpfiff nicht anders als zuvor 90 Minuten lang der versammelten Mainzer Spielerschaft – er bekam Marcelinho einfach nicht in den Griff. Mit seinem dritten und vierten Saisontor, dem zwölften Doppelpack in seiner Bundesligageschichte, schoss der brasilianische Spielmacher Hertha BSC zum 3:1 (2:0)-Erfolg. Der Berliner Marko Pantelic sowie der Mainzer Manuel Friedrich erzielten in der zweiten Hälfte die weiteren Tore. Marcelinho aber wurde nach dem Spielschluss von seinen Mitspieler und Betreuern so sehr geherzt, dass eine kleine Ewigkeit verging, ehe ihn Dieter Hoeneß in seine Arme schließen konnte. Und ein bisschen umarmte sich der Manager des Berliner Bundesligisten dabei selbst. Direkt vor dem Spiel will er Marcelinho prophezeit haben, dass dieser sich heute befreien werde.

Dieter Hoeneß ahnte wohl, dass der Verein die lange vermisste Genialität Marcelinhos brauchen würde. Anfang der Woche hatte Hoeneß gar eine Wettbewerbsverzerrung gewittert, da zwischen dem Auftritt der Berliner im Uefa-Cup gegen Halmstads BK und dem Kick gegen Mainz ganze 46 Stunden lagen. Hoeneß sah sich genötigt, die 36 392 Zuschauer im Olympiastadion gestern darauf hinzuweisen, an wen sie sich im Falle einer Niederlage zu wenden hätten. So schrieb Hoeneß im Vorwort des Stadionhefts: Die Deutsche Fußball-Liga und Mainz hätten die Chance verpasst, sich für den Fußball zu entscheiden. Sie hätten sich geweigert, das Spiel auf den Sonntag zu verlegen.

90 Minuten später war von dieser Aufregung nicht mehr viel übrig geblieben. Hertha hatte ein Spiel gewonnen, das eigentlich nicht zu gewinnen war. Jedenfalls nicht nach den gängigen Parametern, die im Fußball über Sieg und Niederlage entscheiden. Mainz war den Gastgebern überlegen. Die Mannschaft von Jürgen Klopp hatte mehr Spielanteile, mehr Ballbesitz, mehr Ballkontakte, mehr gewonnene Zweikämpfe, doppelt so viele Torschüsse, und das alles bei einem Eckenvorteil von 11:1. In der wichtigsten Rubrik aber, der Anzahl der Tore, stand Hertha vorn. „Bis auf die verpassten Chancen haben wir alles richtig gemacht“, sagte Klopp, „wir sind heute an Fiedler und Marcelinho gescheitert.“

Tatsächlich hatte Herthas Torwart Christian Fiedler zahlreiche Chancen der Mainzer mit starken Paraden vereitelt, Marcelinho die seinen aber effizient genutzt. In der Frühphase des Spiels überwand der Brasilianer durch eine „grandiose Aktion“ (Klopp) den falsch postierten Mainzer Torwart Wache mit einem Freistoß-Schlenzer. Eine knappe halbe Stunde später verwertete der 30-Jährige eine feine Hackenablage von Marko Pantelic zum 2:0. „Was er heute geleistet hat, das war sagenhaft“, sagte Herthas Trainer Falko Götz. Dessen Zufriedenheit war verständlich. Anfang der Woche hatte es um Marcelinho Knatsch gegeben, nachdem dieser seine Mitspieler öffentlich kritisiert hatte. Josip Simunic war stellvertretend für die Mannschaft mit Marcelinho ins Gericht gegangen: der solle die Klappe halten und endlich Leistung zeigen. Das tat er zunächst im Uefa-Cup, wo er sich noch vorrangig in den Dienst der Mannschaft gestellt hatte. Gestern aber „hat er seine individuelle Klasse gezeigt und sich mit Toren selber belohnt“, sagte Götz. Mit dem Halbzeitpfiff kam Simunic, der erstmals seit Januar 2004 auf der Ersatzbank saß, auf Marcelinho zugelaufen, um ihm zu gratulieren. Auch Götz klatschte seinen wichtigsten Spieler ab und flüsterte ihm etwas ins Ohr. „Mir war wichtig, ihm zu verdeutlichen, dass er weiß: wenn er dem Team etwas gibt, gibt ihm das Team auch etwas zurück.“

Um den Marcelinho-Faktor bereinigt, waren die Mainzer nicht die schlechtere Mannschaft. Im Gegenteil. Nach der 2:0-Führung stellten die Berliner zusehends das Fußballspielen ein – ob aus Erschöpfung oder nicht, blieb bis zum Abpfiff unklar. Selbst nach einem Kopfballtor von Pantelic zum 3:0 bekamen die Berliner keine Dominanz ins Spiel. Besonders bei Standardsituationen und hohen Bällen hatten Herthas Abwehrspieler ohne den kopfballstarken Simunic Probleme. Allerdings konnte Manuel Friedrich erst den zehnten Eckball zum Anschlusstreffer nutzen. „Wir haben 90 Minuten lang keine Ruhe gehabt“, sagte Manager Hoeneß, „aber letztlich hatten wir ein bisschen mehr individuelle Klasse auf dem Feld.“ Gemeint war die individuelle Klasse Marcelinhos.

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