Sport : Marktwirtschaft und Ost-Kult

Eishockeyklub Eisbären Berlin wird von den Fans wegen seiner Vergangenheit gefeiert – Widersprüche werden dabei in Kauf genommen

Claus Vetter

Berlin. Ein paar Wochen ist es her, da hatte Pierre Pagé die Idee, bei seinem Arbeitgeber an vergilbende Historie zu erinnern. Der kanadische Trainer in Diensten der Eisbären klebte ein Logo des Vorgängervereins des Klubs aus der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) in die Spielerkabine. Seitdem prangt im Umkleidemief über den Köpfen der Eisbären-Spieler das Emblem vom SC Dynamo Berlin. Ein Klub, der in der DDR in einer Miniliga mit Dynamo Weißwasser das Eishockey am Leben erhielt.

Eine schöne Geschichte hatte sich der traditionsbewusste Frankokanadier Pagé gedacht und erfuhr dann, dass sich bei den Eisbären nicht geräuschlos an Geschichte erinnern lässt. Flugs hängten Fans über den Stehplätzen im Sportforum Hohenschönhausen ein weinrotes Banner auf, das nun an 15 DDR-Meistertitel von Dynamo erinnert. Wenig später glaubte eine Boulevardzeitung zu erkennen, dass „Ostberlin“ skandierende Eisbären-Anhänger beim Spiel gegen Köln einen Sieg von Ost gegen West bejubelten. Eine interessante These, wo das Spielerpersonal des Klubs vorrangig aus Amerika kommt. Pagé zeigt sich überrascht: „Ich wollte nicht, dass die Aktion mit dem Logo politische Dimension bekommt. Es ging mir nur um Tradition, nicht um Ost oder West.“

Vielleicht hat Pagé bei manchem Fan einen Nerv getroffen. Lange wurde die Vergangenheit von den – aus dem Westen stammenden Klubobersten – negiert. Höhepunkt war 1999 eine Aktion beim Europaliga-Turnier in Moskau. Dort hatten Eisbären-Fans in der Halle DDR-Fahnen aufgehängt und wurden vom damaligen Generalbevollmächtigten der Berliner, Martin Müller, gedrängt, die Flaggen verschwinden zu lassen.

Das Engagement der Herren aus dem Westen hatte dem Klub nach der Umbenennung das Überleben gesichert. Die Berliner waren sportlich erfolgreich, dafür sah es finanziell immer schlechter aus. Bis 1999 der Retter aus Amerika kam. Seit dem Einstieg von Milliardär Philip Anschutz stehen die Eisbären wirtschaftlich gut da, erscheint wegen der geplanten Großarena am Ostbahnhof die Zukunft rosig. Anschutz arbeitet nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten. Sein Verein präsentiert sich nicht als Ostklub, umwirbt auf großen bunten Plakaten überall in Berlin neue Kundschaft.

Pagés Aktion solle nicht politisiert werden, findet Hartmut Nickel. Der 58-Jährige ist Kotrainer bei den Eisbären, seit 1963 im Sportforum als Spieler und Trainer aktiv. Nickel weiß um die Hypothek seines Arbeitgebers. 1970 hatte Erich Mielke als Minister für Staatssicherheit der DDR dafür gesorgt, dass die nicht medaillenträchtige Sportart Eishockey nicht wie Basketball oder Wasserball im Nirvana verschwand, wenigstens Weißwasser und Berlin um den Meistertitel spielen durften. „Hätten wir nicht weitergemacht, gäbe es keine Eisbären“, sagt Nickel. „Aber der Mielke hat uns nicht gerettet. Als wir im Kindergarten wie andere Sportarten um Nachwuchs bettelten, sind wir rausgeflogen. Es war eine harte Zeit. Mit Besen und Schaufel haben wir das Eis bereitet.“

Nun ja, andernorts hatten sie es schwerer. In der sächsischen Eishockey-Hochburg Crimmitschau etwa, wo nach 1970 nur Hobbysportler dem Puck nachjagen durften. Wenn also heute Teenager auf den Tribüne im Sportforum „Dynamo“ rufen, hat das kaum ostalgische Motivation. Fan-Dasein lebt von Polarisation, Widersprüche sind kein Problem: Den DDR-Oberen wäre das bei den Fans beliebte Konstrukt „Ostberlin“ nie über die Lippen gekommen. Im Staatsjargon gab es nur Berlin, Hauptstadt der DDR.

Nickel gefällt es, dass der Überlebenskampf bei Dynamo durch die Aktion des Kanadiers Pagé gewürdigt wird. Trotzdem, der Umgang mit der Historie ist bei den Eisbären, die heute in Düsseldorf spielen, nicht unverkrampft, weiß Nickel: „Ich hätte das Dynamo-Logo nicht aufhängen dürfen, das wäre sicher missinterpretiert worden.“

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