Markus Rehms Sieg mit Prothesen : Ein weiter Sprung ins Ungewisse

Markus Rehm springt mit Prothese so weit wie Nichtbehinderte – und entfacht eine Debatte um Inklusion und Chancengleichheit.

Friedhard Teuffel und Lars Spannagel
Erst weite Sätze, dann viele Fragen. Markus Rehm bei seinem Paralympics-Sieg 2012 in London. Foto: imago sportfotodienst
Erst weite Sätze, dann viele Fragen. Markus Rehm bei seinem Paralympics-Sieg 2012 in London.Foto: imago sportfotodienst

Die für ihn schönste Reaktion bekam Markus Rehm von einem geschlagenen Konkurrenten. Ein paar Tage nach seinem Erfolg bei der Nordrheinmeisterschaft sagte ihm ein anderer Weitspringer im Training: „Du bist mitgesprungen, du hast gewonnen, was gibt es zu diskutieren?“ So entspannt sehen Markus Rehms Sieg mit einer Weite von 7,61 Meter allerdings nur wenige in der deutschen Leichtathletik. Der 25 Jahre alte Rehm springt mit einer Prothese. Er hat bei den Paralympics die Goldmedaille gewonnen, aber weil er nun auch bei den Nichtbehinderten startet, stellt sich die Frage: Hat er durch seine Prothese nicht einen Vorteil?

Sein Sieg in Leverkusen vor zehn Tagen war der erste offizielle Erfolg eines behinderten Athleten gegen nichtbehinderte Konkurrenz in Deutschland. Nordrheinmeister ist ein schöner Titel, doch Rehm will noch weiter springen und mehr gewinnen. Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) fürchtet nun einen verzerrten Wettbewerb. „Als Verband fühlen wir uns der Inklusion verpflichtet, müssen aber auch die Interessen der Nichtbehinderten vertreten“, sagt Verbandspräsident Clemens Prokop. „Die Grundfrage ist doch: Sind beide Leistungen miteinander vergleichbar?“

Der Fall von Markus Rehm beschäftigt nun die ganze Leichtathletik. Es ist ein Fall im Spannungsverhältnis zwischen Inklusion und Chancengleichheit. Und er erinnert an einen Athleten, der weltweit mit seiner Leistung Aufmerksamkeit erregt hat: Oscar Pistorius. Als erster Athlet mit Prothesen startete er 2012 bei den Olympischen Spielen in London. Er wurde zur Ikone des Behindertensports. Sein Startrecht hatte er sich erst durch die Instanzen der Sportgerichtsbarkeit erkämpfen müssen. Umso größer waren die Enttäuschungen, als die Welt erfuhr, er habe seine Lebensgefährtin getötet.

Pistorius sportliche Leistung galt als Ausnahme, als nicht repräsentativ, weil er an beiden Beinen ohne Unterschenkelknochen auf die Welt kam. Ein höchst seltenes Handicap. Markus Rehm fehlt nach einem Wassersportunfall als Teenager der rechte Unterschenkel. Wenn er weiter diese Leistungen zeigt, könnte er im Juli in Ulm sogar bei den deutschen Meisterschaften starten. „Die deutschen Meisterschaften sind ein Traum, ein absolutes Ziel“, sagt Markus Rehm.

Nach dem Wettkampf in Leverkusen war Rehm nach Hause gefahren, am Abend informierte ihn seine Trainerin, die frühere Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius, dass er nachträglich aus der Wertung genommen worden war. Am nächsten Morgen revidierte das Kampfgericht seine Entscheidung, Rehm wurde wieder als Sieger geführt – und hatte Sportgeschichte geschrieben. Rehm sieht das Hin und Her gelassen: „Ich verstehe das, ich mache dem Kampfrichter überhaupt keinen Vorwurf. So etwas gab es in Deutschland nun mal noch nicht.“ Offenbar war niemand in der Wettkampfleitung klar, welche Tragweite Rehms Start haben könnte. „Ich war offiziell gemeldet, anscheinend ist das aber untergegangen“, sagt Rehm. „Hinter meinem Namen steht ja auch nicht ‚Springt mit Prothese' mit großen Ausrufezeichen.“

Das Ziel, gegen nichtbehinderte Athleten zu starten, verfolgt Rehm seit seinem Sieg bei der paralympischen Leichtathletik-WM im vergangenen Sommer, als er mit der Weltrekordweite von 7,95 Metern gewann. „Da war mir klar, dass ich auf nationaler Ebene auf höchstem Niveau mitspringen kann“, sagt Rehm. „Natürlich möchte ich mich mit den Besten messen, unabhängig davon, ob ich ein Handicap habe oder nicht.“

Er freut sich, dass er nun einen Präzedenzfall geschaffen hat, mit dem sich der DLV auseinandersetzen muss. Schließlich betreffe das Thema möglicherweise auch andere Athleten. „Ich will mir mit dem DLV keine große Schlammschlacht liefern. Es geht mir um meinen Wettkampfsport, eine neue Herausforderung.“

Ob Rehm tatsächlich einen Vorteil hat, das soll nun ein Gutachten klären. Der Biomechaniker Gert-Peter Brüggemann von der Deutschen Sporthochschule in Köln soll es laut Auskunft von DLV-Präsident Prokop erstellen. Brüggemann hatte schon ein Gutachten im Fall Oscar Pistorius erstellt. Es wies zwar Vorteile für Pistorius nach, das reichte allerdings nicht aus, um seinen Start zu unterbinden.

Denn so einfach die Leichtathletik aussieht und obwohl es nur ums Laufen und bei Rehm noch ums Springen geht, handelt es sich doch um komplexe Bewegungen. Brüggemann hatte Vorteile bei Pistorius auf der Geraden festgestellt. Doch weil Pistorius’ Lieblingsstrecke, die 400 Meter, auch noch aus einem Tiefstart besteht, in der seine Prothese im Gegensatz zum Muskel keine Spannung aufbauen kann, und aus zwei Kurven, in denen die steife Prothese im Gegensatz zum flexiblen Fußgelenk ebenfalls Nachteile hat, konnte das Gutachten keinen Gesamtvorteil belegen.

Der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands, Friedhelm Julius Beucher, sagt: „Wir respektieren, dass der DLV ein Gutachten einholt. Aber die Prothese ist ein Beinersatz und kein unerlaubtes Hilfsmittel.“ Sein DLV-Präsidentenkollege Prokop sieht es anders: „Der Einsatz von Hilfsmitteln wie Prothesen ist der Leichtathletik fremd.“ Vor Rehms Leistung ziehe er den Hut, jedoch war Prokop schon im Fall Pistorius der Ansicht: „Teilnahme ja, aber getrennte Wertung.“

Rehm ist selbst gespannt, wie eine Untersuchung seiner Prothese und seines Sprungs aussehen könnte. „Ich habe keine Informationen, wie oder wo das getestet wird.“ Ihm ist es wichtig, dass nicht nur seine Prothese, sondern sein kompletter Weitsprungablauf untersucht wird. „Es wäre nicht fair zu sagen: Wir haben hier eine Karbonfeder, da geht Energie rein, so und so viel Prozent Energie kommt wieder raus, das kann ein gesundes Bein nicht leisten – ich habe also einen Vorteil“, sagt Rehm. „Das wäre mir zu einfach. Man muss das komplett sehen.“ Durch die Prothese auf der einen Seite und dem gesunden Bein auf der anderen ergebe sich ein unrundes Laufbild: „Ich kann niemals so sauber sprinten wie jemand auf zwei Beinen.“

Bisher gibt es über seine Leistungsfähigkeit nur Gerüchte. Die einen sagen, Rehms Anlauf sei zu langsam, um ohne Karbonfeder solche Weiten zu erreichen. Die anderen entgegnen, der Anlauf sei nicht alles. „Es hat schon Weitspringer gegeben, die langsamer als zehn Meter pro Sekunde waren und trotzdem acht Meter gesprungen sind. Ich bin nicht allzu weit weg von dieser Geschwindigkeit“, sagt er. Eine aktuelle Bestzeit über 100 Meter kann er nicht angeben, weil er zuletzt aufgrund einer Handverletzung keine Tiefstarts machen konnte. Seine Bestzeit liegt bei 11,69 Sekunden.

Markus Rehm hat seine Prothese selbst gebaut, er ist hauptberuflich Meister der Orthopädietechnik. „Mir wird vorgeworfen, ich hätte die beste Prothese, weil ich selbst Orthopädietechniker bin.“ Er sieht es als Kompliment. „Es gibt aber sicher jede Menge Techniker, die das genauso hinbekommen würden. Mein Vorteil ist nur, dass ich niemandem erklären muss, wie ich es gerne haben möchte.“ Alle Teile, auch die Karbonfeder, seien frei erhältlich, „meine Prothese ist kein Geheimnis, ich zeige sie gerne her, jeder kann Fotos machen“. Selbst mit Konkurrenten würde er sich austauschen: „Ich möchte keine Prothese benutzen, an die außer mir niemand herankommt. Das fände ich nicht fair.“

Markus Rehm erweckt nicht den Eindruck, sein Anliegen mit aller Macht, Gewalt und Verbissenheit verfolgen zu wollen. Aber er will Antworten, Ergebnisse, belastbare Fakten. „Wenn eine vernünftige Untersuchung feststellt, dass mir meine Prothese einen Vorteil verschafft, bin ich der Letzte, der auf so einem Unrecht beharren würde. Da bin ich Sportsmann genug“, sagt er.

Für die Westdeutschen Meisterschaften am kommenden Wochenende hat sich Rehm erneut angemeldet, der Wettkampf wird wieder in Leverkusen stattfinden, das Kampfgericht wird wohl dasselbe sein. „Ich gehe davon aus, dass ich da mitspringen darf“, sagt er. Es könnte der nächste Schritt werden, der nächste Sprung, der nächste Titel, den vor ihm noch kein Athlet mit Handicap gewonnen hat.

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