Sport : Martina Hingis im Interview: "Ich bin immer noch unverwechselbar"

Frau Hingis[Sie haben schon seit fast zwei Jahren]

Martina Hingis (20) führt die Tennis-Weltrangliste vor der US-Amerikanerin Lindsay Davenport an und ist bei den am Montag beginnenden Australian Open an Nummer eins gesetzt. Die in der Slowakei geborene Schweizerin gewann 1999 in Melbourne ihr fünftes und bislang letztes Grand-Slam-Turnier.

Frau Hingis, Sie haben schon seit fast zwei Jahren kein Grand-Slam-Turnier mehr gewonnen. Ist Ihre beste Zeit etwa vorbei?

Ich würde gerne wieder eins der ganz großen Turniere gewinnen, das ist doch klar. Ich bin richtig hungrig darauf - und ich weiß, dass ich bald auch wieder an der Reihe bin. Von den Spielerinnen, die im Moment auf der Tour unterwegs sind, habe ich sowieso schon die Slams in der Tasche.

Aber das ist Vergangenheit. Was zählt, ist die Gegenwart.

Aber da sieht es doch gar nicht so schlecht aus. Ich bin die Nummer eins der Weltrangliste, gewinne regelmäßig meine Turniere, zuletzt das in Sydney. Das macht mir Mut für die Australian Open.

Aber der Makel bleibt, dass Sie bei den großen Turnieren die entscheidenden Spiele zuletzt verloren haben?

Deshalb geht für mich die Welt nicht unter. Man wird sehen müssen, wie lange beispielsweise die Williams-Schwestern ihr Kraftspiel durchhalten können. Schon jetzt tauchen sie ja kaum regulär im Circuit auf. Nach den US Open waren sie von der Bildfläche verschwunden, während alle anderen Spielerinnen dran geblieben sind.

Vielleicht sollten Sie Ihren Kalender auch ein wenig einschränken...

Natürlich werde ich versuchen, mich in Zukunft nicht zu verzetteln und nicht alle möglichen Engagements annehmen. Aber eine Nummer eins wollen die Turnierveranstalter eben gerne dabei haben - und ich sehe auch eine gewisse Verpflichtung, so viele Fans wie möglich mit meinen Starts zu bedienen - ob in Europa, in Asien oder in Amerika. Aber ich spüre auch schon, dass mein Körper größere Ruhepausen braucht.

Das Damentennis ist härter geworden, seit die Williams-Schwestern dabei sind. Haben Sie einen guten Draht zu den Beiden?

Es ist schwer, sich ihnen überhaupt anzunähern. Sie gehen den meisten Kontakten aus dem Weg. Man kann sicher nicht sagen, dass wir die größten Freundinnen wären. Aber ich habe auch keine Probleme mit ihnen. Wir akzeptieren uns gegenseitig als sportliche Rivalinnen. Als ich mal einige Zeit ständig Grand-Slam-Turniere gewonnen habe, klagten viele: Die Langeweile im Tennis muss aufhören. So ist es jetzt gekommen, und es ist auch nicht schlimm für mich.

Aber sie mussten sich plötzlich sehr viel mehr Mühe im Training geben, viel intensiver arbeiten?

Ich bin sicher so austrainiert und fit wie nie zuvor in meiner Karriere. Die Grundlagen dafür habe ich immer wieder in Amerika gelegt, in meinem Haus in Florida. Dort habe ich geschuftet und gerackert. Auch wenn es mir nicht leicht fiel, denn ich bin normalerweise ein leicht trainingsfauler Typ. Aber mir war klar: Wenn ich so weitermache, kann ich meinen Platz ganz vorne im Tennis nicht mehr lange verteidigen.

Trotzdem haben Sie ihren ganz eigenen Stil nicht verloren, dieses intelligente, elegante Spiel.

Ich bin nun mal zwei Köpfe kleiner als eine Venus Williams oder eine Lindsay Davenport. Ich kann mich physisch verbessern, mehr Athletik gewinnen, aber ich werde nie hundertprozentig die Power wie diese Spielerinnen haben. Also muss ich schauen, wie ich meine Vorteile kriege. Unbewusst war mein Stil schon immer die Überlebensmethode in diesem Geschäft, wo es viele gibt, die hart und gut auf den Ball schlagen können. Meine Stärken sind die Technik, die Intuition, die Strategie und das Auge, im richtigen Moment an der richtigen Stelle zu sein. Vieles kann man nicht lernen, man hat es einfach drauf.

Aber reicht das wirklich noch in einer Zeit, in der die Technologie immer mehr Spielerinnen die Chance gibt, eine alles überwältigende Kraft auf den Schläger zu bringen?

Ich habe ja reagiert. Ich bin schneller, wendiger, drahtiger geworden. Heute geht alles so fix im Tennis, man hat wirklich immer weniger Zeit zum Nachdenken. Aber trotzdem habe ich noch meine Ästhetik behalten und mich nicht total umgebogen. Ich bin immer noch unverwechselbar.

Wenn Sie heute zurückblicken zu den Tagen, an denen Sie ins Tennis eingestiegen sind: Was hat sich seitdem in der Welt von Martina Hingis verändert?

Mein Leben ist mit jedem Jahr im Profitennis hektischer geworden. Ich bin meistens bis zum Schluss bei den Turnieren im Rennen, dann geht es oft direkt nach dem Endspiel wieder ins Flugzeug ab zum nächsten Wettbewerb. Außerdem ist der Rummel gewaltig: Medien, Sponsorentermine, andere Verpflichtungen, die du als Nummer eins hast. Dabei versuchen wir schon die Zahl der Termine mit aller Macht einzudämmen.

Ist der Tennisplatz der letzte Ort, wo Sie sich frei und ungezwungen bewegen können?

So schlimm ist es nicht. Ich nehme mir meine Freiheiten auch, wenn ich nicht Tennis spiele. Sonst könnte ich nicht erfolgreich sein, und sonst würde ich auch aufhören.

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