• Matthias Sammer im Interviev: "Als wir oben waren, haben hier alle die Nerven verloren"

Sport : Matthias Sammer im Interviev: "Als wir oben waren, haben hier alle die Nerven verloren"

Sind Sie ein guter Trainer[Herr Sammer?]

Matthias Sammer (33) ist der jüngste Trainer der Bundesliga. Der gebürtige Dresdner trainiert seit April 2000 Borussia Dortmund. 1996 wurde er mit Deutschland Europameister und zum "Europas Fußballer des Jahres" gewählt. Ein Jahr später führte er Dortmund zum Champions-League-Sieg. Wegen einer schweren Knieverletzung musste er seine Karriere als Spieler beenden.

Sind Sie ein guter Trainer, Herr Sammer?

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Bundesliga-Tippspiel: Das interaktive Fußball-Toto von meinberlin.de Ich habe versucht, mein Bestes zu geben, habe in einer sehr schweren Situation, als ich nicht mehr spielen konnte, einfach versucht, die neue Chance wahrzunehmen. Aber das heißt noch lange nicht, dass ich mich für einen guten Trainer halte, oder dass ich für diesen Job geboren bin. Also, das ist doch das Dämlichste, was es gibt.

Wir interpretieren diese Aussage mal so, dass Sie sich noch nicht für einen guten Trainer halten. Wenn Sie keiner sind - wer dann?

Schwer zu sagen. Von der Oberfläche aus betrachtet, ist eigentlich nur ein erfolgreicher Trainer ein guter Trainer.

Sie sind aber nicht auf oberflächliche Betrachtungen angewiesen, Sie haben als Spieler auch genug Trainer kennen gelernt. Darunter werden auch sehr gute gewesen sein.

Was ist ein guter Trainer? Einer, der Erfolg hat, oder? Aber was ist Erfolg? Ottmar Hitzfeld hat zweimal die Champions League gewonnen, muss also ein guter Trainer sein. Eduard Geyer hat noch keinen Titel gewonnen, aber was der in Cottbus leistet, ist unglaublich. Ein guter Trainer! Jetzt fragst du aber einen, der das technisch anspruchsvolle Spiel liebt, und der geht zum Geyer und sieht, wie der seine Leute um den Platz jagt. Da fasst er sich doch an den Kopf und sagt: Der Geyer hat überhaupt keine Ahnung.

Ein guter Trainer definiert sich demnach über Erfolg. Der wird von Ihnen in dieser Saison auch erwartet, mehr noch als in der vergangenen.

Das ist mir egal. Für mich wäre eine Bestätigung unser Leistung ein Erfolg, also die Qualifikation für die Champions League. Wer von der Meisterschaft spricht, der tut den zweiten Schritt vor dem ersten.

Und das bei den Summen, die Borussia Dortmund investiert hat?

Das war im letzten Jahr auch schon so. Als wir zwischendurch oben standen, verloren hier doch alle die Nerven. Rosicky, Koller oder Amoroso wären alle lieber für weniger Geld gekommen. Geld ist so ein oberflächlicher Faktor, der jetzt ganz gern in Bezug gezogen wird, um gewisse Erwartungen an uns heranzutragen. Dabei weiß man doch bei einer gewissen Intelligenz, dass Geld keinen Erfolg garantiert.

Wie wurden Sie von Ihren Kollegen aufgenommen? Da kommt ein Trainer, der noch nie was geleistet und nur den guten Namen Sammer hat, und dem stellt man eine Mannschaft für 30, 40 Millionen Mark hin, mit der auch ganz andere oben landen würden ...

Sie meinen, es könnte da von anderen Trainern so etwas wie Neid oder Geringschätzung gegeben haben? Also, um so etwas kümmere ich mich nicht. Ich habe großen Respekt vor anderen, aber was die denken oder was die meinen, das ist mir wurscht.

Mit welchem Kollegen kommen Sie am besten klar?

Keine Namen.

Andersherum gefragt: Würden Sie sich mit Udo Lattek noch einmal auf die Bank setzen wie damals in den letzten fünf Spielen der Saison 1999/2000, als Sie beide die Borussia vor dem Abstieg retteten?

Immer wieder. Ich habe wahnsinnig viel von ihm gelernt in den paar Wochen.

Das klang zwischenzeitlich einmal anders.

Ach, ich habe da mal etwas Blödes gesagt, was gar nicht blöd gemeint war. Udo hatte damals den ganzen Druck von uns in der Öffentlichkeit genommen. Da stand immer das ganze Menü, das er am Abend zuvor gegessen hat, einen Tag später in der Zeitung. Und das habe ich dann mal erwähnt, und da war Udo sauer, weil ich dann auch noch den Rotwein mit reingebracht habe.

Wo wäre Matthias Sammer jetzt, wenn Borussia Dortmund damals abgestiegen wäre?

Wenn wir abgestiegen wären, hätte der Verein vielleicht Udo Lattek und mir zu verstehen gegeben, dass er es mit einem anderen Trainer probieren würde. Aber ich hätte, wenn man mich gefragt hätte, den Job auch in der Zweiten Liga übernommen.

Dazu ist es nicht gekommen, im Gegenteil, Sie haben ein sehr erfolgreiches Jahr in der ersten Liga hinter sich. Haben Sie sich in diesem Jahr verändert?

Ja, ich glaube schon, aber mehr verrate ich nicht. Nur so viel: Ich bin ein Mensch, der zu sehr viel Selbstkritik neigt.

Duzen Sie alle Spieler?

Ja, mich können auch alle Spieler duzen. Wenn ich mit keinem aus der jetzigen Mannschaft gespielt hätte, wäre ich beim Sie geblieben. Aber ich fände es schon ziemlich blöd, wenn die Hälfte sich mit Du anspricht und die andere mit Sie. Ich glaube nicht, dass der Unterschied zwischen Du und Sie den Respekt ausmacht. Du Arschloch oder Sie Arschloch, das ist doch egal.

Ist es ein Vorteil, dass Sie mit Jürgen Kohler oder Stefan Reuter noch gespielt haben? Können Sie zu denen sagen, was Udo Bölts Jan Ullrich gesagt hat: Quäl dich, du Sau?

Das habe ich schon als Spieler nicht gemacht. Ich habe andere Worte gefunden, die ich heute auch finde. Ich kann keinen Nachteil darin sehen, dass ich mit Jürgen oder Stefan zusammengespielt habe.

Sie waren als Spieler eine lautstarke Führungsfigur. Der Trainer Sammer hat an der Seitenlinie sehr viel weniger Einfluss. Das muss Sie doch wahnsinnig machen.

Ich weiß, dass ich mit Schreien an der Seitenlinie wenig erreichen kann. Wenn du im Spiel merkst, dass die Mannschaft träge ist, liegen die Gründe dafür meist lange zurück. Aber Einfluss habe ich schon, auch während des Spiels. Mit ein paar Umstellungen kann man viel erreichen.

Sie sind ein außergewöhnlicher Fußballer gewesen. Haben Sie als Trainer schon mal mit einem wie Matthias Sammer zusammengearbeitet?

Das Bild, das von einem gemacht wird, wird ja meistens von anderen gemacht. Deshalb ist es ja für einen selbst nicht so sehr leicht einzuschätzen, wie man eigentlich selber war, wie man aufgetreten ist. Das überlasse ich Ihnen und Ihren Kollegen.

Sie haben ja von sich aus auch öfter erzählt, dass manche Trainer mit Ihnen Probleme hatten, weil Sie stets einen kritischen Dialog zum Trainer gesucht haben. Hat der Trainer Sammer auch einen Spieler wie Sammer?

Es wird immer Situationen geben, die sich ähneln. Es wird immer Trainer geben, die das Gespräch mehr suchen, dann wird es Trainer geben, die das Gespräch weniger suchen. Ich habe mit 22 auch nicht nur gebabbelt. Man entwickelt sich ja.

Haben Sie schon Ihren eigenen Stil gefunden? Oder ist es noch eine Mixtur aus den Einflüssen, die Sie als Spieler erlebt haben?

Ich überlege oft: Wie hätte der reagiert, was hätte der gemacht? Aber ich bin es, der die Entscheidung treffen muss. Das nimmt mir keiner ab.

Gibt es Tage, an denen Sie nicht an Fußball denken?

Hmm, ein Tag ist sehr lang ...

24 Stunden ...

Das macht das Abschalten so schwer. Wenn wir am Sonntag frei haben, bereite ich in Gedanken schon das Training am Montag vor. Aber zwischendurch muss ich einfach auch mal an andere Sachen denken. Das ist unheimlich wichtig, und es gelingt mir mal ganz gut und mal weniger gut. Ich habe zwei Kinder, die wachsen gerade heran, das will ich schon ein bisschen bewusster erleben.

Sie sind ein Mensch, der sein Privatleben weitgehend vor der Öffentlichkeit abschirmt. Trotzdem haben Sie vor drei Jahren ein pikantes Detail an die Öffentlichkeit getragen, welche Partei Sie bei der Bundestagswahl wählen. Sie haben in Zeitungsanzeigen für die CDU geworben.

Das war einfach meine Überzeugung.

Die Begründung passte schon besser zu Ihnen: "Das ist meine Privatsache." Ein typischer Sammer.

Ich würde mich heute vielleicht nicht mehr öffentlich äußern. Was weiß ich denn schon von den großen politischen Zusammenhängen? Habe ich das Recht, mich als Identifikationsfigur hinzustellen? Ich denke das vielleicht aus der Erfahrung heraus, dass es auch den einen oder anderen Politiker gibt, der beim Thema Fußball viel Blödsinn erzählt.

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