Medaille verpasst : Die Reckstange lässt Hambüchen abblitzen

Fabian Hambüchen fällt vom Reck und verpasst die Mehrkampf-Medaille. Trotz Verletzung will der Turn-Star in Peking weiter angreifen.

Friedhard Teuffel[Peking]
Peking 2008 - Turnen Fabian Hambüchen Foto: dpa
Abgerutscht. Fabian Hambüchen im Mehrkampffinale.Foto: dpa

Es bahnt sich eine kleine Beziehungskrise an. Zwischen Fabian Hambüchen und seinem Lieblingsgerät, dem Reck, ein Traumpaar eigentlich, denn sie verbindet der Weltmeistertitel aus dem vergangenen Jahr. Am Donnerstag aber trennten sich beide schon zum zweiten Mal in einer Woche vorzeitig voneinander. Hambüchen bekam die Eisenstange nach seinem ersten Flugteil nur mit einer Hand zu fassen und landete auf der Matte. Beim ersten Mal, am Dienstag, hatte das noch keine besonderen Folgen, auch ohne Hambüchens Absteiger wäre die deutsche Mannschaft Vierter geworden. Doch diesmal, im Einzelfinale Mehrkampf, war die Angelegenheit ernster.

Als er zu seiner Verabredung am Reck ging, lag Hambüchen an zweiter Stelle der Gesamtwertung. Nur der Chinese Yang Wei war vorausgeeilt, ihn konnte Hambüchen auch nicht mehr einholen. Eine sauber durchgeturnte Übung hätte dem 20 Jahre alten Hessen gereicht, um seine erste Olympiamedaille zu gewinnen, Silber im Mehrkampf, dem Vielseitigkeitswettbewerb der Turner. Es wäre zugleich die erste Olympiamedaille gewesen für die deutschen Turner seit dem Olympiasieg von Andreas Wecker 1996 in Atlanta. Doch die Eisenstange ließ Hambüchen abblitzen, er wurde Siebter.

Selbst für den Vater nicht zu sprechen

Auf einmal war ein ganz anderes Gesicht von Fabian Hambüchen zu sehen als das der vergangenen Monate. Nicht mehr das etwas spitzbübisch grinsende, sondern ein trauriges und fassungsloses. Als er zurück vom Gerät kam und sich auf einen Stuhl setzte, war er den Tränen nahe. Sein Vater und Trainer Wolfgang Hambüchen setzte sich neben ihn, aber auf ein Gespräch wollte er sich jetzt nicht einlassen. „Ich habe ihn gefragt, was nicht passte", erzählte Wolfgang Hambüchen, „er hat gesagt: jetzt nicht. Er wollte Ruhe haben."

Woran es lag, das konnte Fabian Hambüchen auch ein paar Minuten später noch nicht erklären. „Bumms, klatsch lag ich da auf dem Boden. Na super, habe ich gedacht, klasse Sache." Passiert war es beim Kolman, einem zweifachen Salto rückwärts mit Schraube über die Stange, als er nur mit einer Hand an das Gerät kam und sich dann nicht mehr halten konnte. Nach einer kleinen Konzentrationsphase ging er zurück zum Reck und turnte die Übung noch einmal von Anfang bis Ende durch. „Ich habe mich direkt geärgert, aber dann habe ich gedacht: noch mal ran, noch mal von vorne. Du kriegst immer noch eine gute Punktzahl, vielleicht reicht es ja noch." Was er zeigte, hatte noch einen Schwierigkeitsgrad von 7,1. Wenn alles ideal läuft, turnt Hambüchen einen Ausgangswert von 7,3, das ist der höchste, den derzeit ein Turner weltweit in seiner Reckkür zu bieten hat.

Am Dienstag der wichtigste Wettkampf

Auch sein Vater, eigentlich schnell mit einer Analyse zur Hand, war hinterher ratlos. Was der Grund für den Abgang war? „Ja gar nichts, weiß ich nicht." Dass seinen Sohn die Kapselverletzung im Finger behindert hatte, die am Abend zuvor noch mit einer Spritze behandelt worden war, könne er sich nicht vorstellen. „Was ich gut fand, war, dass er die ganze Übung dann noch mal drangehängt hat, um zu zeigen, dass er am Sonntag sicherlich auf Angriff turnt", sagte Wolfgang Hambüchen. Am Sonntag findet das erste von drei Gerätefinals statt, für das sich Hambüchen qualifiziert hat und zwar am Boden. Am Dienstag findet dann der wichtigste Wettkampf statt, das Reckfinale. Für das Finale am Barren am Dienstag hat er sich ebenfalls qualifiziert.

Schon bei der Weltmeisterschaft 2006 in Aarhus war Hambüchen beim Kolman-Salto vom Reck geflogen – zwei Mal. Und jetzt wieder. Aufbauen müsse er ihn jetzt dennoch nicht, sagte sein Vater: „Das macht er schon selber. Ich nehme an, dass das in einer halben Stunde wieder gegessen ist. So etwas passiert eben." Und Fabian Hambüchen sagte: „Ich werde die nächsten drei Tage weiter hart trainieren und dann schauen, was rauskommt." Vielleicht eine große Versöhnungsgeschichte.

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