Medikation im Pferdesport : Auf dem Rücken der Pferde

Gegen die neue Medikationsliste des Weltverbands, die bestimmte Medikamente im Wettkampf erlaubt, protestieren nicht nur Tierschützer. Der deutsche Verband spricht von einem Desaster, auch Reiter reagieren empört.

Anke Myrrhe,Katja Reimann
German Masters von Stuttgart - Ludger Beerbaum
Zu rasant für den Geschmack vieler Reiter (hier Ludger Beerbaum) handelte der Weltverband bei der Einführung neuer Regularien.Foto: dpa

Berlin - Prinzessin Haya von Jordanien war geradezu euphorisch. Einen Meilenstein im Reglement des internationalen Reitsports nannte die Präsidentin des Weltreiterverbandes FEI die Entscheidung. Die Delegierten der FEI hatten auf der Jahreshauptversammlung vor zehn Tagen mit knapper Mehrheit für die sogenannte „Progressive List“ gestimmt. Eine Liste, die bestimmte Medikamente in gewisser Dosierung im internationalen Wettkampf erlauben soll. Nach langen Monaten der Diskussion um Dopingproblematik und -regularien, sollte dies ein Durchbruch sein. Bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung FN allerdings stößt diese „fortschrittliche“ Liste ebenso auf Ablehnung wie bei Tierschützern und unter den Sportlern selbst.

Von einem „Desaster“ sprach die FN, der Deutsche Tierschutzbund von der „Abkehr vom Tierschutz“. Tatsächlich kollidieren die neuen Regularien in Deutschland wie in anderen europäischen Ländern mit den Tierschutzgesetzen. Die FN distanzierte sich umgehend von den Regularien des Weltverbandes. „Die ‚Progressive List’ stellt nicht unsere Vorstellung von gesunden und unmanipulierten Pferden im Wettkampf sicher“, sagt FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach. Nur gesunde Pferde sollen bei Wettkämpfen starten.

Für den deutschen Verband kommt das neue Reglement zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Er hat äußerst unruhige eineinhalb Jahre hinter sich. Beinahe monatlich erschienen neue Manipulationsvorwürfe. Prominente Reiter wie Christian Ahlmann und Isabell Werth wurden wegen Dopings gesperrt, Ludger Beerbaum verursachte mit Kommentaren zur Medikation Aufruhr („Erlaubt ist, was nicht gefunden wird“). Und sowohl Funktionäre der FN als auch Tierärzte standen unter dem Verdacht, unangemeldet Medikamente verabreicht zu haben.

Mit der Auflösung der Olympiakader im Sommer hatte die FN versucht, sich deutlich gegen Doping im Reitsport zu positionieren. Die eingesetzte Kommission Reiten des Deutschen Olympischen Sportbundes, die 100 Sportler und Funktionäre befragte, sprach sich in ihrem Abschlussbericht klar für die Beibehaltung der Null- Lösung aus: Behandlung der Pferde zur Wettkampfzeit soll verboten bleiben. Der Springreiter Marco Kutscher, dessen Hengst Cornet Obolensky bei den Olympischen Reiterspielen in Hongkong 2008 eine Spritze mit dem Stärkungsmittel Lactanase erhalten hatte und daraufhin zusammengebrochen war, müsse sich „zu Recht des Dopings verantworten“, schreibt der Tierschutzbund in seiner offiziellen Stellungnahme. Lactanase jedoch wäre nach den neuen Regularien uneingeschränkt erlaubt, ebenso wie die Schmerz- und Entzündungshemmer Finaldine und Phenylbutazon, die in den Neunzigerjahren verboten worden waren.

Und obwohl auch Reiter in Deutschland sich seit langem verständlichere Regeln zur Medikation gewünscht hatten, reagierten viele empört. „Der Tierschutz muss erste Achtsamkeit sein“, sagte der Sprecher der Aktiven, Vielseitigkeitsreiter Hinrich Romeike, und betonte, dass Mittel wie Entzündungshemmer zwar als Therapeutikum, aber keinesfalls im Wettkampf erlaubt sein sollten. „Es geht nicht, dass man mit Hilfe von Medikamenten bei einem Turnier aus einem Hühnchen einen Adler macht“, sagt er. „Dem Weltverband muss klar gemacht werden, dass dieses Reglement nicht im Sinne des Pferdesports ist.“

Darum bemüht sich die FN eifrig, notfalls auch mit Konfrontation. Man prüfe juristische Schritte, um die Einführung der neuen Regularien zum 1. Januar 2010 zu verhindern. Notfalls denke man auch über andere Maßnahmen nach, bestätigte FN-Präsident Graf Breido zu Ranzau, zum Beispiel über einen Boykott der Weltreiterspiele 2010. Auch die Abspaltung einer Europäischen Föderation hält zu Ranzau für möglich. Allerdings betonte FN-Sprecher Dennis Peiler: „Das wäre der allerletzte Schritt, den wir gehen. Wir suchen das Gespräch mit der FEI.“

Unterstützung bekommt die FN vom CHIO in Aachen. Die Veranstalter des größten Reitturniers der Welt kündigten an, in Aachen gelte die „Progressive List“ nicht. Sie müssen wie andere Turnierveranstalter in Deutschland immer auch um die Fernsehübertragung kämpfen. Der verantwortliche WDR will sich dazu bisher nicht äußern. Man müsse die Gespräche abwarten, sagte ein Sprecher. Das Reit- und Springturnier in der Halle Münsterland Anfang Januar werde jedenfalls wie geplant übertragen.

Otto Becker, Bundestrainer der Springreiter, mahnte derweil zur Ruhe. „Das Thema wird momentan sehr emotional geführt“, sagte er. Man müsse sachlich analysieren, welche Mittel für eine Behandlung verwendet werden könnten. Die wichtigste Frage ist für Becker immer: „Was würde es für das Pferd bedeuten?“

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