Sport : Mehr Arbeit, kein Lohn

Hertha BSC betreibt gegen Bayer Leverkusen viel Aufwand, unterliegt dem Tabellendritten aber 0:1.

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In der Bayer-Zange. Herthas Änis Ben-Hatira kommt nicht an Heung-Min Son (l.) vorbei. Die Berliner kassierten gegen Leverkusen ihre dritte Heimniederlage der Saison. Foto: dpa
In der Bayer-Zange. Herthas Änis Ben-Hatira kommt nicht an Heung-Min Son (l.) vorbei. Die Berliner kassierten gegen Leverkusen...Foto: dpa

Berlin - Rudi Völler hat im Fußball schon so viel erlebt, dass er eigentlich nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen sein sollte. Gestern Nachmittag aber, im Berliner Olympiastadion, erlebte der Sportdirektor von Bayer Leverkusen einen Moment, der ihn nach eigener Aussage in Angst und Schrecken versetzte. Etwa zehn Minuten vor Schluss war das, als Jos Luhukay, der Trainer von Hertha BSC, seine letzte Wechseloption wahrnahm. Ronny kam aufs Feld, was bei Völler unmittelbar zu „Herzklopfen“ führte. Die Aufregung war umsonst. Der Brasilianer kam in den verbleibenden Minuten nicht mehr in Schussposition, und auch der knappe Auswärtssieg der Leverkusener geriet nicht mehr ernsthaft in Gefahr. 1:0 (1:0) hieß es am Ende für den Champions-League-Teilnehmer gegen den Aufsteiger. „Wir haben viel Aufwand betrieben und uns leider nicht belohnt“, sagte Herthas Offensivspieler Sami Allagui. „Das ist momentan unser Problem.“

Die Berliner fühlten sich fatal an ihre Heimspiele gegen Stuttgart und Schalke erinnert, als sie auch vermeintlich höher eingeschätzten Gegnern auf Augenhöhe begegnet waren – und ebenfalls als Verlierer vom Platz gingen. Für Luhukay waren das Spiel und das Ergebnis nur schwer zu ertragen: „Es ärgert mich maßlos, dass wir aus einer solchen Überlegenheit nicht mal einen Punkt holen.“ 63 Prozent Ballbesitz wies die Statistik für Hertha aus. 44 Flanken schlug Luhukays Mannschaft in den Leverkusener Strafraum, eine einzige führte zu Gefahr: Mitte der zweiten Halbzeit zwang Tolga Cigerci Bayers Torhüter Bernd Leno mit einem Kopfball zu einer spektakulären Parade.

Sieben Spiele hatte Hertha zuvor gegen Leverkusen nicht verloren, und auch gestern war vor 47 419 Zuschauern kein gravierender Qualitätsunterschied zwischen den beiden Teams mit den unterschiedlichen Ambitionen festzustellen. Im Gegenteil: In einem mäßigen und von beiden Seiten fahrig geführten Spiel hinterließ Hertha den insgesamt ansprechenderen Eindruck. Die Berliner spielten von Beginn an ein wenig stringenter nach vorne – ohne sich allzu klare Chancen zu erarbeiten. Der letzte Pass kam nicht an, die letzte Entschlossenheit fehlte. Ein Kopfball von Adrian Ramos genau in die Arme von Leno war vor der Pause Herthas gefährlichste Annäherung ans Tor.

Das war immer noch deutlich mehr, als Bayer zunächst zustande brachte. Meistens misslang schon der vorletzte Pass – mindestens. Mit Herthas frühem und aggressivem Pressing kam der Tabellendritte nicht zurecht, der Ball ging meist schon im Mittelfeld verloren. In einem aber waren die Gäste den Berlinern klar überlegen: in Effizienz vor dem Tor. „Das ist der Unterschied“, sagte Luhukay. „Wir brauchen mindestens sechs, sieben, acht Situationen, um uns zu belohnen.“ Leverkusen brauchte eine. Mit dem ersten klaren Angriff ging Bayer durch Stefan Kießlings achten Saisontreffer in Führung. Ein wenig Glück war auch dabei, weil der Vorlagengeber Jens Hegeler knapp im Abseits gestanden hatte.

Hegeler hatte schon nach zwei Minuten den am Oberschenkel verletzten Nationalspieler Sidney Sam ersetzen müssen. Dem Leverkusener Spiel fehlte damit das anarchische Element, auch wenn Hegeler seine Sache sehr ordentlich machte. Auch die zweite Chance für die Leverkusener unmittelbar vor der Pause leitete er ein. Erst behauptete Hegeler den Ball gegen Johannes van den Bergh, dann flankte er gefühlvoll an den langen Pfosten: Kießling legte den Ball in die Mitte ab, wo Gonzalo Castro ihn nur knapp verpasste.

Der kämpferische Einsatz der Berliner war erneut vorbildlich. In der zweiten Hälfte drängte Hertha Leverkusen weit zurück. „Wir haben fast nur auf ein Tor gespielt“, sagte Linksverteidiger van den Bergh. „Das sah aus wie ein Handballspiel.“ Aber echte Torgefahr entwickelte Hertha, von Cigercis Kopfball abgesehen, nicht mehr.

Bayer hatte immerhin noch zwei gute Konterchancen durch den eingewechselten Robbie Kruse. So kassierte Hertha im dritten Spiel gegen den dritten Champions-League-Teilnehmer der Bundesliga die dritte Niederlage. Der guten B-Note konnte Jos Luhukay wenig abgewinnen: „Ich will nicht nur gut Fußball spielen, ich will auch erfolgreich sein.“ Diesen Wunsch aber konnte die Mannschaft ihrem Trainer an diesem Nachmittag nicht erfüllen.

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