Sport : Mehr Ordnung wagen Dietmar Hamann könnte in Rotterdam auflaufen

Stefan Hermanns[Rotterdam]

Der moderne Fußball hat schon einige bemerkenswerte Karrieren gefördert. Michael Ballack zum Beispiel ist einem Bonmot seines damaligen Kaiserslauterer Trainers Otto Rehhagel zufolge auf der Sonnenliege zum Nationalspieler geworden. Denn während Ballack im Sommer 1998 irgendwo am Strand lag, dilettierte die deutsche Nationalmannschaft bei der WM in Frankreich. Anschließend glaubte die halbe Nation, dass es ohne den damals 21 Jahre alten Ballack keine Zukunft gebe.

Dietmar Hamann hat in den vergangenen 15 Monaten ähnliche Erfahrungen mit dem Wankelmut der öffentlichen Meinung gemacht. „Nach der EM haben alle Kritiker und alle Experten gesagt: Hamann muss raus!“, sagt der ehemalige Teamchef Rudi Völler. Der Mittelfeldspieler vom FC Liverpool galt als Ballverschlepper, Tempozügler und damit als Hauptschuldiger für das getragene Spiel der Deutschen. Inzwischen aber hat nicht nur Völler das Gefühl, „Didi ist neben Michael Ballack der Einzige, der gesetzt ist“. Dabei hat Hamann noch kein einziges Länderspiel unter Völlers Nachfolger Jürgen Klinsmann bestritten.

Am Mittwoch könnte sich das ändern und Hamann zehn Tage vor seinem 32. Geburtstag zu seinem 59. Einsatz im Nationaltrikot kommen. Für das Spiel gegen Holland in Rotterdam (20.30 Uhr, live in der ARD) gehört Hamann zum ersten Mal seit der EM im vorigen Sommer wieder zum Aufgebot der Nationalmannschaft. „Didi war von Anfang an immer in unserem Blickfeld“, sagt Klinsmann. Trotzdem hat der Bundestrainer ihm gleich nach seinem Amtsantritt mitgeteilt, dass er erst einmal auf ihn verzichten wolle, um junge Spieler zu testen.

Diese Phase ist nun offensichtlich beendet. Neben Hamann hat Klinsmann für das erste Länderspiel der WM-Saison auch den 33 Jahre alten Dortmunder Verteidiger Christian Wörns wieder für die Nationalmannschaft berufen. „Beide bringen viel Erfahrung mit“, sagt er. Allerdings sieht sich Klinsmann durch ihre Nominierung auch dem Vorwurf ausgesetzt, dass er ohne Not von seinem forschen Stil abweiche. Sollte Bernd Schneider gegen die Holländer links in der Viererkette verteidigen, Wörns in der Innenverteidigung spielen und Hamann im defensiven Mittelfeld, wäre Per Mertesacker der einzige Spieler, der nicht schon unter Völler zur Nationalmannschaft gehört hat.

Klinsmann bestreitet eine generelle Abkehr von seiner Philosophie, vielmehr wolle er seine „Spielweise immer wieder ein Stückchen weiter verfeinern“. Dietmar Hamann hält der Bundestrainer für durchaus systemkompatibel. Vielleicht ist er sogar mehr als das: Gerade für den Erfolg des neuen Stils könnte ihm eine bedeutende Rolle zukommen. Hamann bringt etwas in die Mannschaft ein, was ihr bisher fehlte: eine ordnende Hand im Mittelfeld und damit mehr defensive Stabilität. „Beim Confed-Cup hat die Mannschaft viele Gegentore kassiert“, sagt Hamann. „Wir müssen schauen, dass wir das ändern, weil es uns nicht in jedem Spiel gelingt, drei oder vier Tore zu schießen.“

Der Bundestrainer hält Hamann für einen Spieler, „der unheimlich viel Einfluss nehmen kann auf eine Partie“. Trotz dieser vor allem strategischen Fähigkeiten hat der Mittelfeldspieler in Deutschland immer starke Vorbehalte gegen sein Spiel verspürt. Er hat auch nie verheimlicht, dass er seine Qualitäten in England weitaus besser gewürdigt sieht. Die Skepsis hierzulande hat auch damit zu tun, dass Hamanns Rolle in Deutschland ganz anders definiert wird als in anderen Ländern. In Holland zum Beispiel wird seine Position nicht als defensiver Mittelfeldspieler bezeichnet, sondern als kontrollierender Mittelfeldspieler.

Jemand wie Hamann ist kein Zerstörer, sondern der eigentliche Organisator seiner Mannschaft, der Hüter einer stabilen Ordnung. Nie ist sein Wert deutlicher geworden als im Finale um die Champions League zwischen Liverpool und dem AC Mailand. In der ersten Halbzeit, als Hamann nur auf der Bank saß, ging Mailand 3:0 in Führung. Nach der Pause wurde der vermeintliche Defensivspieler eingewechselt, und mit ihm bekam Liverpools Offensivspiel endlich eine solide Basis. Die Engländer drehten das Spiel und gewannen im Elfmeterschießen. Es war mehr als der Beweis, dass Offensive auch mit Dietmar Hamann möglich ist. Es war der Beweis, dass erst Dietmar Hamann die Offensive möglich gemacht hat.

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