Sport : Meine erste Liebe: Michael Jürgs über den SV Meppen

Aus der Reihe "Vereine[die wir nie vergessen" - F]

Michael Jürgs (55) ist ehemaliger Stern-Cefredakteur und Bestsellerautor.

Der SV Meppen wurde 1912 gegründet. Von der Saison 1987/88 bis zur Spielzeit 1997/98 spielte der Verein in der 2. Liga und stieg dann ab. Da Meppen in dieser Saison die Qualifikation für die neue 3. Liga verpasst hat, muss der Klub nun in der Oberliga spielen.

Ich war noch nie bei den Galliern vom Emsland, ich war noch nie im Hindenburg-Stadion des SV Meppen, und ich war auch noch nie in Meppen als solchem. Aber ich kenne seit Jahrzehnten den SV Meppen und habe kein Spiel versäumt. In der Ergebnistabelle vom "Kicker", dem Spiegel des anständigen Fußballfans. Ich weiß nur noch ein paar Namen, weil es die Mannschaftsaufstellungen auf den Sportseiten nur in den Jahren gab, als der SV Meppen in der Zweiten Bundesliga spielte und dort kicken sie seit 1997 ja nicht mehr. Stefan Brasas, der Torwart, der mal per Kopfball ein Tor erzielte. Josef Menke, der für Meppen das war, was Dieter Eilts für Werder Bremen ist. Wortkarg und kein Fall für Techniker. Hat nicht auch Paul Caligiuri in Meppen nach den Gegnern getreten, der erste und wohl letzte US-Amerikaner im hohen Norden? Und einen Trainer habe ich vor Augen, den Asketen mit dem Haarkranz, Horst Ehrmantraut.

Doch der SV Meppen ist mein Verein. Meppen ist mehr als ein Fußballklub mit zweitklassiger Vergangenheit - haben Sie etwa nicht jenes wahnsinnige Spiel zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem SV Meppen gesehen, das 7:6 für den FCK endete? - , drittklassiger Gegenwart und viertklassiger Zukunft. Der SV Meppen 2000 ist zwar so schlecht, dass es in der kommenden Saison nicht einmal mehr für die Regionalliga reicht, aber Meppen steht für Fußball schlechthin.

Der SV Meppen ist dabei nicht etwas so Trendiges wie Kult, also FC St. Pauli oder Rot-Weiß Essen oder Jahn Regensburg. Zum Kult wird, siehe Big Brother, heutzutage wirklich jeder Depp. Meppen hat keinen Prolo-Charme wie Westfalia Herne oder Altona 93. Meppen ist eben Meppen. Punkt. Meppen spielt zum Beispiel selbst noch auswärts besser als die Fußballnationalmannschaft gegen die Schweiz, denn so schlecht wie Ribbecks faule Birnen kann nicht einmal Meppen spielen. Meppen ist für andere Vereine das, was für Journalisten die Praline, für Schauspieler ein Engagement in Eisenhüttenstadt und für Politiker der PDS eine Kandidatur in Passau ist: Ein Synonym für Horror.

Mit dieser Horrorvision holte einst Werner Lorant aus seinen Löwen das letzte heraus: Wollt ihr nächstes Jahr wieder in Meppen spielen oder endlich aufsteigen? Sie stiegen auf. Mit einem Sieg in Meppen übrigens. Keiner wollte in Meppen antreten, außer Kickers Emden, denn die konnten abends wieder zu Hause sein, obwohl es Dutzende von hässlicheren Städten gibt in Deutschland, aber der Fußballer an sich ist gemein dumm. Und das Fußballgeschäft brutal und dumm. Wenn es nicht so wäre, müsste Borussia Dortmund statt der Ulmer Spatzen absteigen.

Meppen ist der Verein, der immer um alles spielt, wie einst der SV Alsenborn, und am Ende nichts bekam. Das schreit in Ostfriesland zum Himmel, wohin auch sonst bei diesem für den Flachpass wie geschaffenen Land. Zwar: Auch in Meppen, wen wundert es, ist der Ball rund und nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Mit Fußball allein kann ich also meine Meppomanie nicht erklären. Auch ist mir von Übertragungen in der Zweiten Liga oder von Pokalspielen (6:1 gegen Eintracht Frankfurt, 6:1!!!) kein besonderer Stil in Erinnerung geblieben. Sie droschen das Leder nach vorne, liefen hinterher, stoppten mit Glück den Ball vor der Eckfahne, flankten nach innen. Manchmal stand da einer und haute das Ding rein, manchmal haute einer daneben. Meist hauten alle daneben, sonst würde der SV Meppen heute nicht auf Platz zehn der Regionalliga Nord stehen und müsste nicht in der nächsten Saison gegen Oldenburg spielen. Soooo schlimm ist das nun wiederum nicht. Das wird wenigstens ein Lokalderby, und dann könnte das Stadion mit 15 000 mal wieder voll werden.

Was mich am SV Meppen allerdings genervt hat, war der singende Vorstand Klaus vom gleichnamigen Duo, das sich für lustig hielt. So fürchterlich wie der sang, hat der Verein aus Trotz dennoch nie gespielt. Denn Fußball in Meppen wird ernst genommen. Jedes Spiel wird so gespielt, als könnte es das letzte sein. Oft ist es das Letzte, was sie spielen, aber wer als Fußballer in Meppen endet, wo andere nicht mal über Nacht bleiben wollen, ist nicht am Ende. Nur am Ende des Regenbogens. Und da soll ja, sagt die Fama, ein Goldschatz vergraben sein. Wahrscheinlich ist dies das eigentliche Geheimnis des SV Meppen. Ja, so muss es sein. Denn sonst hätte ich bis zu dieser Stelle nicht 709 Wörter über den SV Meppen geschrieben, den ich eigentlich nicht kenne. Oder ist es gar die Magie Fußball, die man selbst am Beispiel SV Meppen nicht erklären kann?

Ein Wort noch vor dem Abpfiff. Die kommen wieder, die Gallier. Bestimmt. Wehe dann euch, Römer. Deshalb sollten Sie regelmäßig den "Kicker" lesen - so wie Jürgen Schreiber, der als nächster in dieser Serie über seine heimliche Liebe berichten wird. Ich verrate nichts.

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