Sport : Meister aus elf Metern

Ballack bestätigt mit seinem Tor für Chelsea gegen Bremen ein englisches Klischee über Deutsche

Raphael Honigstein[London]

In den Achtzigerjahren war „Auf Wiedersehen Pet“ eine der beliebtesten Fernsehserien auf der Insel. Sie handelte von sieben britischen Migranten, die in Düsseldorf als Bauarbeiter ihr Geld verdienten, und ständig staunend feststellen mussten, dass die besiegten Kriegsgegner einen weitaus höheren Lebensstandard genossen. Zwischendurch wurden ein paar Ressentiments entsorgt, aber auch so manches Vorurteil bekräftigt.

Fast so viel Freude wie mit dieser klassischen Komödie hatten die englischen Reporter am Dienstag, weil sich an der Stamford Bridge ein großes Fußball-Klischee bewahrheitete. „Michael Ballacks donnernde Antwort, ein Knaller in den Winkel, zeigte wieder einmal, dass die Deutschen die Meister aus elf Metern sind“, entzückte sich der „Daily Mirror“ gestern; über den Spielbericht hatte ein Witzbold in Anspielung auf die Serie „Auf Wiedersehen Pen“ geschrieben. „Pen“ steht für Penalty, das „Auf Wiedersehen“ für Frank Lampards womöglich dauerhaft verlorenen Anspruch, Chelseas Elfmeter zu verwandeln. Drei von vier Strafstößen hat der englische Nationalspieler in den vergangenen Monaten vergeben, zuletzt beim 2:1 gegen Charlton am Samstag. „Ich bin kein Spieler, der sich aufdrängt“, hat sich Ballack danach dezent aufgedrängt, „aber vielleicht schieße ich ja den nächsten“. So kam es, als Clemens Fritz in einer in eigenen Worten „blöden Aktion“ Didier Drogba im Strafraum schubste. Der 2:0-Treffer des ehemaligen Münchners (68.) beendete Werder Bremens beste Phase und entschied die Partie. Die „donnernde Antwort“ ließ auf dem Platz keine Fragen mehr offen. Aber wer hatte Ballack das Wort erteilt?

„Ich bin zu Lampard gegangen, der Trainer hat auch gefragt, wir haben vorher darüber gesprochen“, erzählte Ballack, der mit dem Tor seine wachsende Bedeutung für die Londoner unterstrich. Einen Halbsatz weiter modifizierte er jedoch die Aussage: „Sie sind auf mich zugekommen und haben gesagt, dass du schießen kannst, wenn du willst.“ Das war vor dem Spiel. Die im Grunde läppische Geschichte ist nicht unerheblich, weil sie von der Veränderung Chelseas erzählt. Lampard, der Garant für die beiden Meistertitel und José Mourinhos Lieblingsspieler, ist zum ersten Opfer der neuen, ausländischen Stars geworden. Er wird weiter die Elfmeter schießen, „wenn er cool ist“ – und es nicht unbedingt wichtige wären, sagte der Trainer. Ein Vertrauensbekenntnis hört sich anders an.

Gegen die bemühten, letztlich aber nur gepflegte Harmlosigkeit verbreitenden Gäste reichte das typisch passiv-aggressive Spiel der Blues. „Wir haben das Ergebnis kontrolliert und auf die Situationen gewartet, die ein Spiel entscheiden“, sagte Ballack. Die noch nicht vollständig abgeschlossene Eingewöhnung der neuen Spieler und der dichte Terminplan ließen nichts anderes zu. Ähnlich einfach konnte man auch Bremens Bilanz summieren. „Wir haben uns Fehler erlaubt, die man sich auf diesem Niveau nicht erlauben kann“, sagte Klaus Allofs. Vorne besaß das Spiel der Bremer zu wenig Niveau. „Wir haben spielerisch teilweise überzeugt, das ist keine Schönrederei“, sagte Tim Borowski, „streckenweise waren wir sogar besser. Wir waren nah dran, letztlich aber doch weit weg.“

Miroslav Klose war nach der Pause mit zwei Kopfbällen – einer ging an die Latte – am nächsten gekommen. Möglicherweise hatte ihm ein wenig die Konzentration gefehlt. Der Stürmer musste ja für zwei laufen, Kollege Ivan Klasnic stand bis zu seiner viel zu späten Auswechslung in der 65. Minute still wie eine billige Armbanduhr mit Wasserschaden.

In der Bundesliga dürften die Norddeutschen ihre kleine Krise bald wieder überwinden. Ihr schneidiges Passspiel, das sie in London nur 20 Minuten lang aufziehen konnten, ist dort für die meisten Kontrahenten viel zu schnell. In der verflixt schweren Champions-League- Gruppe aber muss es sich dringend mit Entschlossenheit und Effizienz paaren, sonst wird es den Männern von Trainer Thomas Schaaf nicht anders als den Bauarbeitern aus der Serie gehen. Die mussten damals nach ein paar Folgen enttäuscht ihre Koffer packen und wieder nach Hause fahren - die internationale Konkurrenz war einfach zu stark.

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