Sport : Meister der Selbsttäuschung

Stefan Hermanns

Es ist ein bekanntes psychologisches Phänomen, dass oft erst ein schockartiges Erlebnis eine notwendige Erkenntnis auszulösen vermag. Insofern müsste Borussia Mönchengladbach ganz froh sein, dass die Mannschaft gegen den Hamburger SV durch ein Tor in letzter Minute verloren hat. Jetzt kann wirklich niemand mehr daran zweifeln, dass der Verein zum zweiten Mal aus der Bundesliga absteigt. Die Mannschaft ist Letzter, hat die wenigsten Tore geschossen, die wenigsten Siege geschafft, die meisten Niederlagen angehäuft. Man könnte aus solchen Zahlen wertvolle Schlüsse ziehen, die Gladbacher aber haben die Tabelle lieber für eine optische Täuschung gehalten. Für seine Aussage, dass die Statistiken nun mal nicht immer lögen, wäre Marcell Jansen vor der Niederlage gegen den HSV vermutlich wegen vereinsschädigenden Verhaltens belangt worden.

Wie schlimm es wirklich steht, lässt sich nicht nur an der Tabelle ablesen, sondern auch daran, wer jetzt ungefragt seine Hilfe anbietet. Nachdem Stefan Effenbergs selbstlose Offerte, als Sportdirektor einzuspringen, einfach ignoriert wurde, hat sich nun Berti Vogts über die Gladbacher Undankbarkeit beschwert. Vogts hatte seinem alten Klub Lothar Matthäus als Trainer angedient und sich selbst als Berater. Angesichts solcher Ratschläge fragt man sich natürlich, ob der Abstieg in die Zweite Liga wirklich schon das Ende der Entwicklung ist.

Selbst ohne Vogts’ Zutun ist ein weiterer Verfall nicht auszuschließen. Die Gladbacher sind Experten darin, hohe Erwartungen zu wecken und sie dann locker zu verfehlen. Ihr Aufenthalt in der Zweiten Liga ist von vorneherein auf eine Saison beschränkt, diese Haltung unterscheidet die Borussen nicht vom Rivalen 1. FC Köln. Schade nur für die Fans, dass es demnach in der nächsten Saison kein rheinisches Derby geben kann. Der FC spielt ja dann längst wieder in der Bundesliga.

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