Sport : Melancholie am Bökelberg

Nach dem Rücktritt von Trainer Hans Meyer in Gladbach überkommen Nachfolger Ewald Lienen die Gefühle

Daniel Pontzen

Mönchengladbach. Der Anlass war ernst, aber auch ein wenig Romantik bot die Pressekonferenz am Sonntag am Bökelberg. Als Ewald Lienen von seiner ersten Dienstfahrt für seinen neuen Arbeitgeber berichtete, genehmigte er den Anwesenden Einblick in seine Gedankenwelt. „Als ich eben die Kaldenkirchener Straße entlanggefahren und dann Richtung Stadion abgebogen bin, als ich durch die Kabinen gegangen bin, so wie hunderte Male früher vor den Bundesligaspielen, da kamen bei mir große Erinnerungen hoch“, sagte Lienen, der ehemalige Spieler und neue Trainer von Borussia Mönchengladbach, und schaute dabei melancholisch in die Runde.

Er sagte das an exakt jener Stelle, an der 16 Stunden zuvor noch Hans Meyer gestanden hatte. Dass Lienen, der Meyer – nach erst gestern bekannt gewordenem Plan – im Sommer beerben sollte, schon jetzt mit der eigenen Vergangenheit konfrontiert wird, ist einer letzten Laune seines Vorgängers geschuldet. Nach dem 2:2 seiner Mannschaft gegen Schalke 04 am Vortag hatte Meyer noch gewitzelt, nie habe er sicherer im Sattel gesessen, nie sei der Rückhalt, den er im Verein spüre, so groß gewesen. Natürlich fehlte auch jenen Sätzen nicht die obligate Meyersche Prise Ironie, doch dass für ihn der Entschluss, sein Amt zu beenden, schon feststand, dass er wenige Minuten später den Vorstand um ein Gespräch zu bitten gedachte, um seinen Rücktritt mitzuteilen – das hatte er sich nicht anmerken lassen. „Wir sind selber davon überrascht worden“, sagte Sportdirektor Christian Hochstätter.

Über die „privaten Motive“, die Meyer zu dem Schritt gedrängt haben, wollte er keine weitere Auskunft geben. Vermutlich war es Meyer schlicht zu viel geworden. Die Arbeit einer Boulevardzeitung, die er seit Jahren als übles Mobbing gegen seine Person empfindet, die mangelnde Loyalität einiger Spieler, die Mannschaftsinterna in steter Regelmäßigkeit den Mitarbeitern jenes Blattes diktierten: All das wollte sich der Mann nicht mehr antun, der gerne mit seinem rentenwürdigen Alter von 60 kokettierte.

Verbunden mit der prekären sportlichen Situation, die auch der achtbare Auftritt gegen Schalke nicht verbesserte, war eine Gemengelage entstanden, die Meyer dazu bewegte, seinen für Juni geplanten Abschied vorzuziehen und dem Verein künftig nur noch als Talentspäher zur Verfügung zu stehen. „Gehen Sie davon aus, dass Hans Meyer solche Entscheidungen nicht in zwei Stunden trifft“, schloss Hochstätter eine Kurzschlusshandlung aus.

Tatsächlich war es wohl nur eine letzte Überraschung, wie sie Meyer immer wieder gerne inszenierte. Schon bei seiner Vorstellung vor dreieinhalb Jahren etwa hatte Meyer die Journalisten mit dem Satz „Ich bin Kommunist“ verblüfft, es war der frühe Ausgangspunkt seiner Fehde mit „Bild“, die bei diesem Thema bekanntermaßen wenig Spaß versteht. Vielleicht war es gut, dass Lienen am Sonntag vorsichtshalber nichts zu seinen politischen Vorstellungen sagte. Er will seinen Vertrag bis Juni 2004 erfüllen.

Stattdessen betonte Präsident Adalbert Jordan, dass der Trainerwechsel „ein reibungsloser Stabwechsel“ war, und er tat das so leidenschaftlich, als gäbe es Anlass, vom Gegenteil auszugehen. „Hans Meyer hat uns um 19 Uhr um ein Gespräch gebeten. Und dann war das Ganze eine Sache von einer Stunde“, sagte Jordan. Lienen war nicht unvorbereitet, denn „in einer solchen Situation muss man damit rechnen, dass so ein geplanter Schritt vorgezogen wird“. Er habe sofort zugesagt und sich noch am Samstagabend mit Hans Meyer getroffen. Die beiden pflegen seit Jahren ein sehr enges kollegiales Verhältnis, und bevor Lienen erstmals mit der Borussia verhandelte, hat er zuerst gefragt, ob Meyer von den Planungen wisse. Er wusste.

Jetzt hat Meyer seinem Nachfolger allerhand Arbeit hinterlassen. Er werde „einige Details verändern, schließlich habe ich meinen eigenen Stil“, sagte Lienen. Den von Meyer geschassten Marcel Witeczek wolle er nicht zurückholen, bei dem ebenfalls suspendierten Markus Münch hat er nicht mal die Wahl. Der Verein löste den Vertrag auf und bietet ihn zum Verkauf. Möglichst schnell müsse „die Mannschaft wieder mehr Lust am Fußball bekommen und mehr Aggressivität zeigen“. Es gibt keine Zeit zu verlieren. „Dienstag ist Training. 10 Uhr.“ Es klang sehr unromantisch, wie er das sagte.

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