Sport : Melbourne 1956: Käme doch ein kleines Stück zurück!

Heinz Florian Oertel

Melbourne 1956 - Gold oder Silber? Zwar steht mir nicht zu, Medaillen zu verteilen. Mich stoppt auch Respekt vor allen Sportlerleistungen von Platz 1 bis 173. Indes, es kann mich niemand hindern, meine persönlichen, siebzehnfachen Olympiaerlebnisse zu klassifizieren. Und da steht fest, unumstößlich: Helsinki 1952 und Melbourne 1956 rangieren an der Spitze. Beide Sommerspiele, meine ersten, schenkten Unvergessliches. Sicher trug dazu bei, dass ich als Reporter-Benjamin alles bestaunte, jeden Sieger bewunderte und jeden Olympioniken verehrte. Doch alles zusammen, die Spiele an sich, das Fremde und Neue, die vielen Menschen von überall her, die ich kennenlernte, bescherte das bis heute Große.

Ja, ich glaubte und glaube immer noch an die Idee: Olympia, das heißt Frieden. Und Olympia verheißt Menschenfreundlichkeit und Toleranz. Helsinki und Melbourne ließen mich dies jeweils drei Wochen lang berühren. Die Gastgeber, da und dort, halfen mit Liebenswürdigkeit, Aufgeschlossenheit und Bescheidenheit. Noch drohten nicht Gigantismus und krankhaft wuchernde Kommerzialität. Im Vordergrund standen die Athleten und das gemeinsame Glück, solche Feste zu feiern. Käme doch nun, anno 2000, und wieder in Australien, ein kleines Stück vom Glück zurück!

Wenn jetzt die Sydney-Übertragungsflut hereinbricht, ist es ganz gut, an Melbourner Erfahrungen zu erinnern. Ab 15. September 2000 erwarten uns täglich 20 Stunden Fernseh-Olympiasport. Davon sind 16 Stunden Live-Reportagen. ARD und ZDF traten den Australientrip mit zirka 400 Leuten an, Redaktion und Teiltechnik. Hinzu kommen zirka 80 Radio-Berichterstatter, die rund um die Uhr in Stellung gehen und alle verfügbaren Programme beliefern.

Wir waren 1956 zu dritt aus der DDR angereist. Werner Eberhardt, Wolfhard Kupfer, ich. Ein 24-Stunden-Rennen vom 20. November bis 10. Dezember. Von ARD-Seite waren vor allem Herbert Zimmermann, Gerd Krämer, Gerd Mehl, Kurt Brösamle und ein paar Helfer am Ball. Radio war unser Metier, an TV-Übertragungen noch nicht zu denken. Wir arbeiteten gut zusammen, feierten auch gemeinsam den Abschied.

Kämpfe gab es nur mit der Technik. Alles wurde über Kurzwellen abgesetzt, aber nicht immer kam auch alles zu Hause an. Einen zweiten Vermittlungsweg bildete das Radiotelefon. Das Material lief für alle europäischen Stationen in London auf und wurde dann verteilt. Was auch zu merkwürdigen Fehlleitungen führte. Kurzum, so angenehm die Spiele und der Start einer Gemeinsamen Mannschaft war, diese Technik machte uns zu schaffen.

Besonders das geforderte Langsamsprechen, um Verständigungskuddelmuddel zu vermeiden. Das hörte sich so an: "80-m-Hürden-Start! (Pause) Strickland de la Hunty führt! (Pause) Strickland de la Hunty führt! (Pause) Birkemeyer noch Zweite. (Pause) Ziel!" Eine Vergewaltigung für jeden Reporter. Doch es musste sein. Sonst drohte aus den Funkhäusern die Gelbe Karte. Dennoch: herrliche Radiozeiten! Es war das einzige und schnellste Live-Medium, daheim erwarteten unsere Berichte sehnsüchtig Millionen.

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