Sport : Mensch oder Maschine

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Wolfram Eilenberger über

Jutta Kleinschmidts ungleichen Kampf

So kennen wir sie. Jutta kämpft, über Dünen und unter Palmen, auf Schotter und durch Schlamm, von Clermont-Ferrand nach Dakar. Seit Kleinschmidts Wüstengefährt in einem mauretanischen Wasserloch baden ging – was noch keinem Touareg wirklich gefiel –, prescht die Deutsche allerdings außer Konkurrenz durch die Wüste. Wie jede Einheit bestand auch der abgesoffene Motor ihres VW aus austauschbaren Einzelteilen. Es mag eine philosophische Frage sein, wie viele und welche Teile eines Motors ausgewechselt werden dürfen, ohne dass aus dem alten Motor ein neuer Motor wird und eine erlaubte Teilreparatur somit zum vom Reglement untersagten Komplettaustausch gerät. Bei einer Schraube mag man noch nicht meckern, auch nicht bei einer Pleuelstange, aber wenn noch Vergaser und Nockenwelle hinzukämen, wäre der alte Motor dann wirklich noch der alte? Die patschnasse Jutta ließ gar den verplombten Motorblock wechseln. Ein Teil zu viel, befand die Jury, und nahm die protestierende Kleinschmidt aus der Wertung. Ohnehin hoffnungslos abgeschlagen, spult sie nun wettkampfnahe Trainingskilometer ab, düpiert mit Fabelzeiten die Konkurrenz und pflegt dabei ihr Image als Underdog im Kampf gegen Wüste und Männerwelt. Besser hätte es für sie kaum laufen können.

Weshalb aber bleibt Kleinschmidts Rennzunft überhaupt untersagt, was in anderen Sportarten leichthin erlaubt wird? Im Tennis, im Eishockey und selbst bei der hoch technisierten Tour de France ist der Austausch des Sportgerätes während des Wettkampfes gestattet. Vermutlich liegt es daran, dass dort noch der Athlet und nicht das Gerät ausschlaggebend wirkt. Gewinnt wirklich der Schläger das Match oder das Rad das Rennen, so wird der sportliche Punkt verfehlt. Im Maschinensport ist es umgekehrt. Das Auto entscheidet. Es ist deshalb nicht eigentlich der Franzose Peterhansel, der mit seinem Mitsubishi derzeit die Rallyewertung anführt, sondern ein Mitsubishi mit seinem Peterhansel.

Besonders interessant im Zusammenhang ist die Tauschpraxis im Modernen Fünfkampf, der Mutter aller olympischen und damit wahren Sportarten. Hier werden den Athleten ihre Pferde vorm Hindernisritt per Zufallsprinzip zugelost – und somit die sportliche Kunst eines Reiters gefordert, sich auf ganz verschiedene „Geräte“ einzustellen. Das wäre doch mal eine Idee für den Rallyesport. Jeder darf an seiner Kiste rumschrauben, so viel er mag. Vor jeder Teilprüfung aber werden die Autos frisch zugelost. Mit den abenteuerlichen Materialschlachten wäre es dann wohl ebenso vorbei wie mit dem ewigen Paragrafenreiten. Und von Clermont-Ferrand nach Dakar gewänne am Ende der wirklich beste Pilot, wenn nicht die beste Pilotin.

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