Sport : Mikrofone in der Trainerbank

Wie die Stasi den Sport in der DDR kontrollierte

Frank Bachner

Berlin - Die Dopingexperten der DDR waren fassungslos. Ausgerechnet jetzt hatten sie diesen Wert, ausgerechnet vor den Olympischen Sommerspielen 1980 in Moskau. Eigentlich war die Ausreisekontrolle der DDR-Sportler nur eine Formalie, in den allermeisten Fällen wurde bestätigt, dass die mit Anabolika gemästeten Athleten rechtzeitig unbedenkliche Dopingtestes ablieferten. Das Dopingsystem war schließlich hochprofessionell. Doch jetzt hatte ausgerechnet einer der größten Medaillenkandidaten, ein Gewichtheber, überhöhte Anabolikawerte. In Moskau würde er auffliegen, also durfte er nicht zu Olympia. Doch wie konnte das nur passieren? Bald hatten die internen Fahnder einen stichhaltigen Verdacht: Der Mann hatte sich eigenmächtig Anabolika besorgt, außerhalb des Plans. So etwas konnte hart bestraft werden. Nur in diesem Fall nicht. Kein Wunder, schließlich hatte der Heber besondere Verdienste: Er lieferte als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit wichtige Informationen. Ein Teil seiner Berichte landete sogar auf dem Schreibtisch von Erich Mielke, dem allmächtigen Minister für Staatssicherheit (MfS).

Das schildert der Sporthistoriker Giselher Spitzer in einem neuen Standardwerk. Dass die Stasi in das offizielle Dopingprogramm verstrickt war und den Sport durchsetzt hatte, war bekannt. „Doch die Eingriffe des MfS waren weitaus bedeutsamer als angenommen“, sagt Spitzer. Der Wissenschaftler hat schon das Dopingsystem der DDR analysiert, jetzt liefert er ein Buch über die Verflechtung von Stasi und Sport. Auftraggeber ist der Sportausschuss des Bundestages. Heute wird das Buch in Dresden vorgestellt.

Demnach überrascht die Intensität, aber auch die Skrupellosigkeit der Stasi bei der Kontrolle des Sports. Stasi-Chef Mielke schreckte nicht mal vor einem riskanten politischen Manöver zurück. Er ließ hochkarätige SED-Genossen überwachen, eine Ungeheuerlichkeit. Der SED-Apparat galt für die staatlichen Schnüffler als Tabuzone. Doch Mielke, auch Vorsitzender der „Sportvereinigung Dynamo“, fühlte sich als Schutzpatron der Dynamo-Klubs, die der Stasi unterstanden. Den Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB) sah er als Konkurrenten. Deshalb ließ er Mitglieder der „Leistungssportkommission der DDR“ (LSK) ausspionieren, die strategische Entscheidungen traf. Unter Kontrolle standen damit hochkarätige SED-Genossen. Mit seinem Informationsvorsprung konnte Mielke dann Entscheidungen in seinem Sinne beeinflussen. Sogar ein internes Papier eines Generals an ZK-Sekretär Egon Krenz landete heimlich bei Mielke.

Auch die Zahl der Spitzel im DDR-Sport war höher als bislang angenommen. Im DDR-Team, vorgesehen für die Olympischen Winter- und Sommerspiele 1984, arbeitete zum Beispiel jeder Vierte für den Mielke-Apparat. Bei den Spielen 1980 in Lake Placid und Moskau war es noch jeder Fünfte. 1987 schnüffelten zwölf Prozent der jeweiligen Delegationsmitglieder, wenn DDR-Fußballmannschaften Europacupspiele im Westen hatten. Spitzer enthüllt keine neuen, spektakulären Namen als IM, aber er schildert ausführlich, wie die Stasi Sportler beruflich vernichtete oder beschützte, Todesfälle im Sport vertuschte oder Topfunktionäre zu Statisten degradierte. Sport-Staatssekretär Erbach schaffte es zum Beispiel nicht, einen Abteilungsleiter zu versetzen, der bei einem stellvertretenden Minister in Ungnade gefallen war. Der Abteilungsleiter war zuverlässiger IM, er blieb auf seinem Posten. Aber auch neue Details zu Dopingexperimenten an Jugendlichen liefert Spitzer.

Wer aufmuckte, fiel tief. Ein Fußballtrainer, der bei Spielen gegen den Mielke-Lieblingsklub BFC Dynamo die Schiedsrichter hart kritisierte, verlor den Job. Die Stasi hatte nicht bloß in seiner Wohnung Mikrofone eingebaut, sondern auch in der Trainerbank. Auf die Technik allein wollte sich die Stasi aber nicht verlassen: Bei Spielen standen gleich zwei Staatsanwälte des MfS in der Nähe der Coachingzone.

Giselher Spitzer: „Sicherungsvorgang Sport“, Verlag Hoffmann, Schorndorf, 55,80 Euro.

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