Mind Games : In Gedanken olympisch

3000 Denksportler streiten bei den Mind Games in Peking. Beim Schach träumt man von einer Aufnahme ins olympische Programm

Benedikt Voigt[Peking]

Ginge es nach Amy Wang, könnte Olympia langsam ein Ende haben. „Es war toll, aber drei Monate sind genug“, sagt die Englisch- und Sportstudentin an der Peking-Universität, „ich würde lieber wieder studieren.“ Als Volunteer hat die 19-Jährige bei den Turnwettbewerben bei den Olympischen Spielen im August auf den Zuschauerrängen Anweisungen erteilt, bei den Paralympics im September hat sie im Nationalstadion gearbeitet. Seit Anfang Oktober steht sie mit einigen Sportstudentinnen im nationalen Konferenzzentrum Chinas am Olympiagelände und versorgt Journalisten mit Akkreditierungen. Diesmal für die Olympiade der Denksportarten. Amy Wang sagt: „Es reicht langsam.“

Ganz anders sehen es die Vertreter der Sportarten, die bei den erstmals ausgetragenen „World Mind Games“ in Peking teilnehmen. Die Verbände von Schach, Dame, Go, Bridge und Xiangqi, eine Art chinesisches Schach, haben absichtlich die räumliche und zeitliche Nähe zu den Olympischen Spielen gesucht, um die Aufmerksamkeit des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) zu wecken. „Wir wollen dem IOC beweisen, dass wir ähnliche Spiele wie die Paralympics veranstalten können“, sagt David Jarrett, Exekutivdirektor des Weltschachverbandes Fide. 3000 Denksportler messen sich deshalb noch bis zum 18. Oktober in Peking an Brettern und Kartentischen.

Während Schach von einer Aufnahme ins olympische Programm träumt, sieht der Go-Verband seine Chancen realistisch. „Es ist sehr schwierig, zu den Olympischen Spielen zu kommen“, sagt die Japanerin Yuki Shigeno. Die Generalsekretärin des Internationalen Go-Verbandes wäre bereits froh, wenn das asiatische Brettspiel vom IOC als Sportart anerkannt werden würde. Das würde dem Verband Zuschüsse etwa für die Nachwuchsförderung bringen. Schach und Bridge haben diesen Status bereits erhalten.

Für Tobias Berben steht außer Frage, dass Go eine Sportart ist. Der Hamburger ist einer von 17 deutschen Teilnehmern an den Pekinger Go-Wettbewerben. „Bei Go muss man fit sein, am Ende eines Wettkampftages ist man ausgelaugt“, sagt Berben, gibt aber auch zu: „Natürlich verbraucht man dabei nicht so viele Kalorien wie beim Boxen.“ Während das strategische Brettspiel in Deutschland mit nur 2200 organisierten Spielern ein Nischendasein führt, besitzt es in Asien hohen Stellenwert. Auf Turnieren gibt es für die Profis bis zu 400 000 Dollar Preisgeld zu gewinnen. Bei den World Mind Games spielen die Go-Profis nur für Ehre und Vaterland – und eine Medaille.

„Ich finde die Veranstaltung interessant“, sagt die deutsche Profi-Schachspielerin Elisabeth Pähtz. Die 23 Jahre alte Großmeisterin bildet mit Arkadij Naiditsch das deutsche Paar-Team, das etwas enttäuschend im Blitzturnier auf Rang neun und im Schnellschach auf Rang sieben landete. „Unser Verband wollte zuerst nicht, dass wir hierherkommen, er dachte, das geht in die falsche Richtung“, sagt Pähtz, „aber unser Präsident hat uns unterstützt und sich durchgesetzt.“ Tatsächlich liegt der Termin für die Schachspieler ungünstig. In einem Monat beginnt in Dresden die Schacholympiade der Nationalteams. Und in dieser Woche startet die Schachweltmeisterschaft in Bonn zwischen dem Inder Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik. Derart prominente Namen fehlten in Peking, „das Turnier ist durchschnittlich besetzt“, sagt Arkadij Naiditsch. Der Bulgare Wesselin Topalow hat abgesagt, bei den Frauen trat immerhin die ehemalige Weltmeisterin Antoaneta Stefanova an, die auch den Titel im Schnellschach gewann. „Wir müssen den Termin verbessern“, gibt David Jarrett vom Weltschachverband zu.

Allerdings ist fraglich, ob sich zum Beispiel London 2012 eine ähnliche Veranstaltung leisten kann. Neun Sponsoren haben die Chinesen für die „World Mind Games“ gefunden, die Fluggesellschaft Air China transportierte zahlreiche Profi- Spieler kostenlos nach Peking. „Die Organisation in Peking ist sehr gut, wir wohnen hier in Vier- und Fünfsternehotels“, sagt Pähtz. Noch lieber allerdings würde sie eines Tages im olympischen Dorf wohnen. „Das ist der Traum eines jeden Schachspielers“, sagt sie, „wir hoffen, dass wir hier etwas bewegen konnten.“

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