Sport : "Mir hat der Ball nie am Fuß geklebt"

Als Kanzler sind Sie schlecht dran - Sie müss

Der Bundeskanzler über Rot-Grün im Fußball, Wahlkampf im Stadion und seine Kindheit an der Eckfahne eines dörflichen Bolzplatzes

Gerhard Schröder (55) gab frühzeitig seine vielversprechende Laufbahn als Mittelstürmer bei TuS Talle auf. Er musste erst auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur machen und später dann auch noch Bundeskanzler werden. Schröder schwärmt für gelb-schwarz (Borussia Dortmund), aber auch für rot (Hannover 96) und grün (Werder Bremen). Norbert Thomma und Sven Goldmann stellten ihm die Fragen.

Als Kanzler sind Sie schlecht dran - Sie müssen sich halbwegs neutral geben. Oder stehen Sie zu Ihrer heimlichen Leidenschaft Borussia Dortmund?

Wieso heimlich? Ich habe immer öffentlich zu meiner Bewunderung für Dortmund gestanden. Eine Mannschaft mit großer Tradition, und die haben die Modernisierung hinbekommen, ohne ihre Wurzeln im Revier zu verlieren. Wenn man so will, ist die Borussia ein Modell moderner Sozialdemokratie: Innovation und Gerechtigkeit. Michael Zorc steht für diesen Übergang, aber natürlich auch junge Spieler wie Lars Ricken und Ibrahim Tanko oder jetzt Otto Addo, der zunächst in Hannover groß herauskam und mich mit seinem niedersächsischen Akzent immer wieder überrascht.

Die beiden anderen Vereine, denen Sie nahe stehen, sind Werder Bremen und Hannover 96. Das ist wohl eher eine landespolitische als eine Herzenssache.

Keineswegs. Hannover 96 bleibt man treu, selbst wenn der Verein in der Kreisklasse spielen sollte. Jedenfalls hat 96 mich und alle anderen Getreuen selten so begeistert wie in den letzten drei Jahren, als eine junge Mannschaft aus der Regionalliga in die Zweite Liga aufgestiegen ist und es um ein Haar sogar in die Erste Liga geschafft hätte.

Und Werder Bremen?

Das können Sie gern eine politische Vorliebe nennen. Fußball ist ein Spiel, und mir gefällt daran auch das Spiel mit politischen Symbolen, das Willi Lemke so meisterlich beherrscht hat: die armen, bodenständigen Bremer gegen die Münchener Millionarios. So was bewegt das Herz, auch wenn es in der Sache nicht immer stimmt. Im Übrigen erinnere ich an die Saison 1987/88, als die Roten, also Hannover 96, im Niedersachsenstadion Bayern München 2:1 besiegten und damit die Grünen von Werder vorzeitig zum Deutschen Meister machten. Das war doch schon ein Vorgeschmack auf den rot-grünen Machtwechsel.

Als junger Fußballer bei TuS Talle trugen Sie den Spitznamen "Acker". Das klingt nach umpflügen, sensen, dreschen . . .

Aber wir haben wirklich auf einem Acker gespielt. Und: Ackern, das ist auch in der Politik keine gering zu schätzende Tätigkeit. Also gut: Mir hat der Ball nie am Fuß geklebt. Aber, wie heißt es doch so schön im Reporterdeutsch: Man kann auch über den Kampf zum Spiel finden.

Ihre aktive Karriere in Talle haben Sie mit einem 5:2-Sieg beendet. Fünffacher Torschütze: Gerhard Schröder. Haben Sie aufgehört, weil es schöner nicht mehr kommen konnte?

Nein. Ich musste auf dem Zweiten Bildungsweg mein Abitur nachmachen und schließlich Bundeskanzler werden. Das wissen Sie doch. Wer weiß, sonst hätte Talle bestimmt mal einen Pokal gewonnen.

Bis Sie Niedersachsens Ministerpräsident geworden sind, haben Sie beim FC Landtag mitgespielt. Bleibt bei so einem Kick die Politik in der Umkleidekabine?

Ich denke, fairnessmäßig waren wir besser als vieles, was im bezahlten Fußball so gang und gäbe ist. Aber leider habe ich schon lange keine Zeit mehr, mit Politikern zu spielen. Vielleicht unterhalten Sie sich darüber mal mit Reinhard Klimmt - der ist ein ausgezeichneter Halbrechts.

Der Publizist Norbert Seitz vertritt die These, dass die Qualität des Fußballs die Politik einer Regierung spiegelt; dass also die Aufbruchstimmung unter Willy Brandt und der Offensivfußball der frühen siebziger Jahre einander entsprachen. Wenn wir nun vom Zustand der deutschen Nationalmannschaft auf Rot-Grün schließen . . .

...dann sollten wir erst einmal feststellen, dass Helmut Kohl nun wirklich nicht für das Ausscheiden unserer Nationalmannschaft in Frankreich verantwortlich war. Im Übrigen ist ja nicht der deutsche Fußball schlecht. Unsere Nationalmannschaft hat gerade eine Durststrecke, aber in den Vereinen wird hervorragender, moderner Fußball gespielt. Wenn Sie so wollen, ist das wie im Bündnis für Arbeit: Die Akteure müssen an einen Tisch, beziehungsweise auf ein Spielfeld, und sich über die Regeln und die Taktik verständigen. Dann erzielen sie auch ordentliche Ergebnisse.

Ihr Vorgänger Helmut Kohl hat ein sehr enges Verhaltnis zu Berti Vogts gepflegt und ihm so manchen Tipp gegeben. Haben Sie Erich Ribbeck schon mal angerufen?

Es macht schon Mühe genug, die Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers im Kabinett umzusetzen. Da muss ich mir nicht auch noch den DFB ans Bein binden. Mit einer Ausnahme: Die WM-Bewerbung für 2006 hat meine volle Unterstützung. Im Übrigen würde sich der Erich Ribbeck wohl auch sehr dabei zurückhalten, mir Tips für die Rentenreform zu geben.

In Berlin zeigt sich der Genosse Trend ganz anders als auf Bundesebene. Hertha BSC spielt eine sehr viel bessere Rolle als der Senat. Gibt Ihnen das Hoffnung für Walter Momper und die Wahlen zum Abgeordnetenhaus?

Wenn es nicht sein muss, möchte ich Walter Mompers politisches Schicksal eigentlich nicht an das der Hertha koppeln - aber er macht seinen Job bestimmt so gut wie Jürgen Röber. Und am Anfang, nach dem Bundesliga-Aufstieg, waren die Prognosen für Hertha ja auch nicht so toll.

Hertha BSC ist in dieser Saison zum ersten Mal seit 22 Jahren wieder auf der internationalen Bühne dabei. Werden Sie an Ihrem neuen Arbeitsort ins Stadion gehen?

Also, so neu ist das Olympiastadion für mich ja nun auch wieder nicht. Zuletzt habe ich das DFB-Pokalendspiel dort genossen. Und natürlich werde ich auch in Berlin ins Stadion gehen, wann immer ich Zeit dafür finde. Die Hertha spielt einen erfrischenden, ansehnlichen Fußball, ist endlich auch wieder auf Erstliga- und internationalem Niveau. Für unsere Hauptstadt ist das richtig und angemessen. Und ich hoffe, die Herthaner machen mir auch als einfachem Zuschauer mehr Freude als Kummer.

Wissen Sie eigentlich, dass Politiker im Berliner Olympiastadion immer mächtig ausgepfiffen werden, ganz gleich, welcher Partei sie angehören?

Das werden wir ja sehen. Oder hören.

Das Publikum nimmt Politikern einfach nicht ab, dass sie sich wirklich für Fußball interessieren. Auch Sie können kaum vermeiden, dass Ihr Erscheinen im Stadion als Teil eines Dauer-Wahlkampfs aufgefasst wird.

Ach, wissen Sie, ich habe meine Kindheit in einer Baracke verbracht, die buchstäblich an der Eckfahne des dörflichen Fußballplatzes stand. Von der Seite mussten die Ecken immer mit verkürztem Anlauf getreten werden, und am Sonntag Nachmittag wackelten bei uns in der Hütte die Wände. Ich muss niemandem mehr beweisen, dass ich mich für Fußball begeistere. Und als Wahlkampf-Arena taugt das Stadion sowieso wenig: Selbst Uli Hoeneß, der sonst immer die Trommel für die CSU rührt, hat der Bundesregierung ausdrücklich seine Unterstützung für ihre Kosovo-Politik mitgeteilt. Und ich hätte mich auch von Herzen gefreut, wenn die Bayern die Champions League gewonnen hätten. Dafür hätten sie nur ein bisschen mehr tun müssen als ein Freistoßtor von Basler.

Wir testen mal Ihre Fachkompetenz: Bekommen Sie fünf Spieler aus der großen Hertha-Zeit zusammen? Und fünf von heute?

Was ist denn die große Hertha-Zeit, wenn nicht heute? Aber bitte: Wolfgang Fahrian, er kam nicht aus Berlin, sondern aus Ulm, war ein ganz Großer. Otto Rehhagel hat früher bei Hertha gespielt und manchem Stürmer auf die Socken getreten. Auch Uwe Klimaschefski war Herthaner, bevor er später eine schillernde Trainergestalt wurde. Das sind keine fünf - aber fragen Sie mich doch nach fünf großen 96ern: Siemensmeyer, Rodekamp, Anders, Stiller, Nix, Skoblar, Heynckes. Und heute? Auf dem Transfermarkt blickt ja kaum noch jemand durch. Aber aus der letzten Spielzeit sind mir Preetz und Wosz in Erinnerung, der wunderbare Torwart Kiraly natürlich, Rekdal, Andreas Thom und Tretschok - klar, der war früher bei Dortmund. Waren das jetzt fünf?

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