Sport : Missgeschick ist alles

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Wolfram Eilenberger über

den Sinn von Eigentoren

Was weiß der Fußball vom Eigentor? Nichts! Was bedeutet das Eigentor für den Fußball? Alles! Schließlich gibt es im Bereich der Fußballtaktik, bedenkt man es genau, nur eine wirklich ernste und wichtige Frage: Wie lässt sich ein Gegentor und somit die Niederlage vermeiden? Und wie bei jeder wirklich wichtigen Frage, so gilt auch im Fußball: Die Ausnahme ist viel interessanter als der Normalfall, was man am vergangenen BundesligaSpieltag in München und Schalke gut sehen konnte. Erst die Ausnahme lässt die ganze Tragweite des Problems deutlich an den Tag treten. Voilá, die Frage: Wie lässt sich ein Eigentor vermeiden? Auch das Eigentor, so viel scheint sicher, ist regelkonform, ist Gegentor. Und egal wie es fällt, ob als grotesker Fehlpass ins eigene Netz (Schalkes van Hoogdalem), als tölpelhafte Ungeschicklichkeit oder im Eifer tadelloser Anstrengung (der Rostocker), wie kein anderes Gegentor vermag das Eigentor den Schein seiner Vermeidbarkeit zu wahren. Ein Eigentor ist niemals zwingend, immer Missgeschick; sonst wäre es nicht Eigentor, sondern ein Akt der Sabotage.

Gerade dieser schwer aufzubrechende Schein der Vermeidbarkeit verleiht dem Eigentor sein psychologisches Gewicht. Das Eigentor ist deswegen tendenziell spielentscheidend. Wie kein anderes Ereignis vermag es die Moral zu untergraben, ja, einem Team, wie man so sagt, das Genick zu brechen.

Der Trainer, eigentlicher Kopf der Mannschaft, steht dem Phänomen Eigentor indes vollkommen machtlos gegenüber. Wie soll er seine Jungs auf diese nur zu wirkliche Gefahr einstellen, ohne sie nicht gleichzeitig tiefgreifend zu verunsichern, gar Misstrauen und Angst in den eigenen Reihen zu säen? Sollten sich die Mitspieler etwa gegenseitig vor Eigentoren schützen, sich gegenseitig bewachen lehren?

Und spielte der Trainer damit nicht der paradoxen Logik des Eigentores geradezu in die Hände, erhöhte das Auftreten des zu vermeidenden Ereignisses? Denn so viel weiß jeder Fußballer vom Eigentor: Das Eigentor ist das stets überraschende, absehbare Ergebnis des ehrlichen, angestrengten und meist hochkonzentrierten Bemühens, ein Gegentor zu vermeiden; und je enger die eigenen Abwehreihen gestrickt sind, umso wahrscheinlicher wird es.

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