Sport : „Mit 30 beginnt die Angst“

René Tretschok über das Ende seiner Zeit bei Hertha BSC, seine Pläne und das Verhältnis zu Trainer Huub Stevens

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Herr Tretschok, woran denken Sie, wenn Sie an Wolfsburg denken?

Daran, dass es für uns sehr wichtig ist, das Spiel zu gewinnen. Und daran, dass Jürgen Röber seit Tagen nicht mehr schlafen kann.

Sie müssen es ja wissen. Jürgen Röber war jahrelang Ihr Trainer bei Hertha, jetzt sitzt er auf der anderen Seite.

Glauben Sie mir, dieses Spiel ist für ihn genau so wichtig wie für uns. Und für uns geht es um verdammt viel.

Aber sie werden nicht mehr spielen. Alles andere wäre eine echte Überraschung. Ihr Vertrag läuft nach dieser Saison aus und wird nicht verlängert. Haben Sie Angst vor einer Zukunft ohne Fußball?

Wovor sollte ich denn Angst haben? Etwa davor, dass in einer Woche nach dem letzten Bundesligaspiel alles aus ist? Nein, ich werde diese eine Woche noch meinem geregelten Tagesablauf nachgehen. Ich bin pünktlich da und pünktlich wieder weg.

Sie haben mal gesagt, heutzutage fürchten sich 95 Prozent der Spieler vor dem Tag X, dem Tag, an dem ihre Profikarriere zu Ende geht.

Ja, das ist meine Erfahrung. Wenn man die Spieler darauf anspricht, weichen die meisten aus. Viele Spieler, die so 27, 28 oder 29 Jahre alt sind, haben Angst, dass sie keinen neuen Vertrag mehr bekommen.

Wann beginnt diese Angst?

Am 30. Geburtstag, das ist ein magisches Datum. Du sagst dir: Jetzt bist du ein alter Sack!

Sie sind jetzt 34 und erstaunlich gelassen.

Ich renne dem Ball hinterher, seitdem ich fünf bin. Ich habe das Ziel Profifußball nie bewusst verfolgt. Ich habe das Abitur gemacht, mir alle Wege offen gehalten, aber doch unbewusst alles dafür getan, erfolgreich zu sein. Als Profi hat man mich immer in Ruhe gelassen, das kam mir entgegen. Viele sagen, ich hätte mehr erreichen können, wenn ich offensiver mit meiner Klasse umgegangen wäre. Ich glaube, für Leute, die immer im Rampenlicht stehen und das auch wollten, für die ist es schwieriger abzutreten. Die werden sich plötzlich nicht mehr in der BildZeitung sehen. Ich möchte nicht tauschen.

Weil Sie auch nicht mehr tauschen können?

Seitdem ich zehn bin, trainiere ich 320 Tage im Jahr. Seit bald 20 Jahren habe ich diesen geregelten Tagesablauf. Alles war bisher planbar. Du weißt, am Saisonanfang musst du Gas geben, um dabei zu sein, unter der Saison hast du dich immer zu beweisen, und du musst auf deine Gesundheit und Mentalität achten. Und jetzt bin ich damit konfrontiert, dass es bald vorbei sein könnte. Ich stelle mir die Frage: Bist du noch bereit, dich zu quälen? Professioneller Sport setzt voraus, dass man sich quälen kann und will.

Sie wollen sich nicht mehr quälen?

Ich würde nicht einfach so in der Zweiten Liga weiter kicken, um mich noch mal im DSF zu sehen. Es müsste passen, Sinn und Verstand haben.

Woran merken Sie, dass es zu Ende geht? Wie fühlt sich das an?

Um Gottes Willen, nichts geht zu Ende, ich werde ja nicht in einer Woche begraben. Ein Lebensabschnitt wird bald vorbei sein, aber der kommende Abschnitt wird wohl sehr viel länger sein als die Profi-Karriere. Das begreifen nicht alle Fußballer. Ich mache mir Gedanken darüber, wie es sein wird, wenn man nicht mehr diesen geregelten Tagesablauf hat. Aber es versetzt mich nicht in Panik, dass ich ab 1. Juli nicht mehr auf der Gehaltsliste von Hertha BSC stehe.

Was werden Sie anfangen mit der vielen, ungewohnten Freizeit?

Ich will im Fußball bleiben, aber nicht Trainer oder Manager werden. Ich möchte im Nachwuchsbereich einiges aufbauen. Dafür muss ich nichts Neues erfinden. Ich bin mit 14 auf die Kinder- und Jugendsportschule gekommen. Dieses alte DDR-Fördersystem war einfach genial. Das will ich anwenden, fortführen, denn davon verstehe ich etwas. Ich habe seit 1996 meine Fußballschule, die habe ich mit Partnern und Freunden aufgebaut. Jede fußballfreie Minute habe ich genutzt. Vielleicht hört sich das arrogant an, aber ich könnte ab 1. Juli in meiner eigenen Firma anfangen zu arbeiten. Zu tun hätte ich genug.

Es gibt viele negative Beispiele von Spielern, die mit ihrem Karriereende in ein Loch gefallen sind.

Mehr als genug. Ich kenne Nationalspieler, die es in der Oberliga oder Verbandsliga als Trainer versucht haben, ohne Trainerschein, und die dann fast unter der Brücke gelandet sind. Viele Fußballer begreifen nicht, in welcher Scheinwelt sie leben. Es ist ja nun mal so, dass man in dieser Welt, mit einem gewissen Talent und relativ wenig Aufwand sehr viel Geld verdienen kann. Das verkraften nicht alle. Das Beste, was einem Fußballprofi passieren kann, ist, dass er mit Mitte zwanzig Kinder kriegt. Dann kommt er auf den Boden der Tatsachen zurück und lernt, mit diesem Reichtum umzugehen. Es ist nun mal nicht normal, mit 23 einen Mercedes zu fahren, den man jedes Jahr in einen neuen tauscht. Das ist doch ein Wahnsinn!

Glauben Sie, dass die neue Fußballer-Generation mit diesem Reichtum bewusster umgeht?

Sie wird besser beraten. Das hat früher gefehlt, wenn ich nur an die Bauherrenmodelle denke, mit denen die Spieler abgezockt wurden. Auf der anderen Seite wird es den ganzen Jungen aber auch zu einfach gemacht. Für 18-, 19-Jährige ist es doch relativ einfach, Verträge über viele 100 000 Euro abzuschließen. Wer heute als junger Deutscher einen Ball gegen den Kopf bekommt und auf diese Weise ein Tor schießt, ist doch schon ein Thema für Rudi Völler. Ich glaube nicht, dass den Jungs damit geholfen ist.

Leidet darunter der Respekt vor älteren Spielern, vor Spielern wie René Tretschok?

Ich persönlich habe dieses Gefühl nicht. Meine Mitspieler honorieren die Leistungen, die ich in den ganzen Jahren gebracht habe. Natürlich lief diese Saison schlecht für mich, aber ich habe nie die Nerven verloren. Ich wollte der Veränderung der Mannschaft nicht im Wege stehen. Hertha kann sich nicht beschweren über das Verhalten der Spieler, die wie ich aussortiert wurden. Wir haben den Mund gehalten und trotzdem mitgezogen. Dennoch glaube ich, dass Hertha in unserem Fall eine Chance vergeben hat.

Welche?

Wären öfter ein paar ältere Spieler zum Einsatz gekommen, hätte der Trainer noch mehr Druck ausüben können. Er wäre kein Risiko eingegangen, denn diese Spieler hätten der Mannschaft helfen können. Ich weiß, dass das auch die jüngeren Spieler so sehen. Einige können gar nicht verstehen, warum ich auch ans Aufhören denke.

Trainer Huub Stevens denkt offenbar anders.

Ich habe zum Trainer keinen großen Draht. Den habe ich noch nie gehabt. Egal, wer Trainer war, ich habe ihn immer als Respektsperson angesehen, ich musste nicht jede Woche mit ihm sprechen.

Spricht Stevens noch mit Ihnen?

Eigentlich haben wir nur einmal miteinander geredet. Das war vor dem Hinrundenspiel in Hannover. Das war mein einziges Spiel für Hertha unter Stevens. Danach war Ruhe. Aber das geht nicht nur mir so.

Sie haben sich damit abgefunden, nicht mehr zu spielen.

Es ist momentan unwahrscheinlich schwer, einen neuen Verein zu finden. Die Vereine sitzen auf einem hohen Ross. Die denken, da kommen im Sommer lauter gute, junge deutsche Spieler, die kein Geld verdienen wollen. Na, die werden sich umgucken. Ich bin zwar 34, aber das Gewicht und die Fitness stimmen, für ein, zwei Jahre würde es noch reichen. Aber nicht mehr um jeden Preis. Wenn für mich nichts dabei ist, was mich weiterbringt, sage ich: Danke, das war’s.

Freuen Sie sich auf den neuen Abschnitt?

Es ist eine gewisse Unsicherheit da, ob man da hundertprozentig klarkommt, ob du dich durchbeißen kannst. Du bist plötzlich auf ganz andere Menschen angewiesen. Freunde fragen mich: René, empfindest du das nicht als eine Befreiung?

Und was antworten Sie?

Ich bin gespannt.

Das Gespräch führten Sven Goldmann und

Michael Rosentritt

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