Sport : Mit der B-Elf auf Platz eins

Portugal gewinnt ohne fünf Stars 2:1 – auch Verlierer Mexiko ist weiter

Sven Goldmann[Gelsenkirchen]

Ricardo La Volpe litt. 90 Minuten lang tigerte der mexikanische Trainer durch die Coaching Zone in der Schalker WM-Arena, er knetete seinen Unterkiefer wund und fuhr sich so oft mit den verschwitzen Händen durch die Haare, dass er nach dem Schlusspfiff so erschöpft aussah wie seine Spieler, mindestens. Es darf gerätselt werden, was dem bekennenden Kettenraucher La Volpe mehr zu schaffen gemacht hatte: das vom Weltverband Fifa verhängte Nikotinverbot auf der Bank oder die Großzügigkeit seiner Mannschaft im gegnerischen Strafraum. Die Mexikaner spielten die bereits für das Achtelfinale qualifizierten Portugiesen zeitweise an die Wand und hatten Torchance um Torchance – selbst als sie in der letzten halben Stunde nach einem Platzverweis gegen Perez nur noch zu zehnt waren. So viel zur Prosa. Die mathematische Geschichte des Spitzenspiels der Vorrundengruppe D war auf dem Spielberichtsbogen zu lesen und wies einen 2:1 (2:1)-Sieg für Portugal aus. „Unser Problem ist das Toreschießen“, knurrte La Volpe und schaute hinüber zu José Fonseca, der gerade zum „Man of the Match“ gewählt worden war. Ein mexikanischer Stürmer, ausgerechnet.

Es kommt in solchen Situationen schon mal vor, dass Ricardo La Volpe einen Kleinkrieg anzettelt gegen die mexikanischen Journalisten, von denen er sich nicht richtig gewürdigt fühlt, was er auf seine Herkunft schiebt: La Volpe kommt aus Argentinien, 1978 zählte er als dritter Torhüter zu der Mannschaft, die im eigenen Land Weltmeister wurde. Nach dem Spiel aber war ein entspannter Trainer La Volpe zu erleben. Zur gleichen Stunde hatte es nämlich Angola verpasst, mit einem hohen Sieg über den Iran noch an den Mexikanern vorbei ins Achtelfinale zu ziehen. Ziel Nummer eins, das minimale, ist erreicht.

Dass es nicht zum Gruppensieg langte, lag nicht an José Fonseca, dessen Wahl zum Spieler des Tages sogar der portugiesische Trainer Luiz Felipe Scolari für richtig befand. Ihm war nach einer halben Stunde per Kopf auch das einzige Tor Mexikos gelungen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Portugal durch Maniches schnellen Konter und Simaos Elfmeter allerdings schon zwei Treffer vorgelegt. Und doch wären Spiel und Wahl zum „Man of the Match“ wohl anders ausgegangen, wenn Fonsecas Kollege Omar Bravo wenigstens die Hälfte seiner größten Chancen genutzt hätte. Einmal stieß er den Ball nach einem Kung-Fu-Sprung knapp vorbei, er schlug Ricardo den Ball freistehend aus zehn Metern auf den Leib und zielte abermals allein vor dem Torhüter übers Tor. Sein bitterster Moment aber war der Elfmeter, verursacht von Miguel an Perez, den Bravo in der 57. Minute auf die Tribüne jagte.

Die Mexikaner richteten in der portugiesischen Abwehr ein Durcheinander an, wie es der strenge Trainer Scolari in seinen vier Jahren als Nationaltrainer noch nicht erlebt hat. „Es kann nicht sein, dass wir mit einem Spieler mehr auf dem Platz völlig die Kontrolle verlieren“, tadelte der Brasilianer. Gewiss lag es auch daran, dass er mit Pauleta, Costinha, Nuno Valente, Cristiano Ronaldo und Deco gleich fünf Stammspieler draußen gelassen hatte, die im Fall einer Gelben Karte gegen Mexiko für das Achtelfinale gesperrt worden wären. „Wir haben sie beschützt“ – diese Formulierung hatte Scolari gut gewählt, denn Schiedsrichter Lubos ging sehr großzügig mit den Gelben Karten um, auch die Gelb-Rote gegen den im Strafraum allzu leicht fallenden Perez hätte nicht jeder gegeben.

Im Achtelfinale wird Scolari wieder zu den bewährten Kräften zurückkehren, aufgedrängt hatte sich bis auf den flinken Dribbler Simao keiner der Reservisten. Scolari war dennoch zufrieden, denn er bastelt weiter an einem WM-Rekord für die Ewigkeit. Der Sieg über Mexiko war sein zehnter in Folge. Drei in diesem Jahr mit Portugal, sieben vor vier Jahren in Fernost mit Brasilien. Man weiß, wie die Geschichte damals ausging.

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