Sport : Mit der Leitplanke flirten

Der deutsche Formel-1-Fahrer Heinz-Harald Frentzen über die Schlüsselstellen und die Tücken der Rennstrecke in Monaco

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Wenn man in Monaco nur zwei Zentimeter von der Fahrlinie abkommt, kann man ganz schnell in die Leitplanken fahren. Außerdem kann man sich nirgendwo ausruhen, es gibt keine Gerade, man muss immer hundertprozentig konzentriert sein, 78 Runden lang. Wenn man die physische und psychische Anstrengung zusammennimmt, dann ist Monte Carlo sicher die forderndste und schwierigste Strecke überhaupt. Aber ich mag das – gerade weil es etwas ist, was nicht so viele Fahrer wirklich können. Im Folgenden will ich die Schlüsselstellen von Monaco beschreiben (siehe auch Grafik unten).

Sainte Dévote: Die erste Kurve in Monaco ist wie ein Trichter. Sie wird immer enger, vor allem kurz nach dem Start, wenn alle Autos gleichzeitig da durchwollen. Aber auch im Rennen muss man höllisch aufpassen, dass man ganz genau auf der Ideallinie bleibt, denn daneben sammelt sich der ganze Reifenabrieb an, und wenn man da draufkommt, dann hebt man sofort ab und landet in der Leitplanke. Ist mir auch schon mal passiert – im Jahr 2000, als ich auf dem zweiten Platz lag.

Casinoplatz: Nach der schnellen Linkskurve von Massenet, die sehr schwierig ist, weil man beim Einlenken den Scheitelpunkt nicht sieht und sich nur auf sein Gefühl und nicht auf die Optik verlassen kann, kommt man in die Rechtskurve am Casinoplatz. Dort gibt es wieder nur eine Linie, am Ausgang flirtet man mit der Leitplanke, und dann ist da noch ein Buckel in der Straße. Man kann links bleiben und drüber donnern oder nach rechts ziehen, vorbeifahren und den Abtrieb behalten. Ich persönlich ziehe einen Mittelweg vor. Am Casino ändert sich das Fahrverhalten im Laufe des Rennens. Anfangs untersteuert das Auto, mit abgefahreneren Reifen übersteuert es. Man muss sich Runde für Runde neu darauf einstellen.

Mirabeau: Diese enge BergabRechtskurve, die eine sehr wichtige Kurvenfolge einleitet, hat es in sich. Die Strecke ist hier sehr uneben, und man bremst hart, muss aber trotzdem bergab Geschwindigkeit mitnehmen, hat also wenig Halt. Wenn man einlenkt, fällt die Straße nach innen ab, so dass das Kurveninnere Rad in der Luft hängt, was den Halt noch weiter reduziert. Außerdem ändert sich der Winkel ständig, in dem die Kurve hängt – die Kombination ist ziemlich aufregend. Dann beschleunigt man kurz bis zur Haarnadel von Loews. Wenn man gute Reifenhaftung hat, kann man bis auf 145 km/h kommen, ehe man wieder hart bremst. Man muss aufpassen, dass man links nicht auf den Randstein kommt, sonst sind schnell ein paar Zehntel weg.

Tunnel: Aus der Poitier, einer 90-Grad-Rechtskurve, beschleunigt man voll in den Tunnel hinein, steht dort die ganze Zeit voll auf dem Gas. Das Kritische an der Tunneleinfahrt ist der Lichtwechsel, vor allem, wenn draußen die Sonne scheint. Man kommt vom Hellen ins Dunkle und kann erst einmal nicht genau sehen, wo die saubere Linie ist und vor allem, ob vielleicht irgendwer irgendwo Öl verloren hat. Der Wechsel ins Licht bei der Ausfahrt ist dagegen nicht so schlimm. Der Tunnel ist – typisch für Monaco – keine echte Gerade, sondern leicht gekrümmt, eine echte Kurve ist er aber auch nicht.

Schikane Tabac: Die Zufahrt zu Schikane ist mit über Tempo 280 das schnellste Stück. Deshalb ist auch das folgende Bremsmanöver für die enge Schikane, die man je nach Getriebeübersetzung im ersten oder zweiten Gang fährt, sehr hart, bevor man dann bis zur Tabac-Kurve in den fünften Gang beschleunigt. Der Kurveneingang dort war immer sehr uneben, ist jetzt aber neu asphaltiert und damit deutlich besser, das Auto verspringt entschieden weniger.

Rascasse: Der Ausgang von Tabac bildet mit dieser Rechts-Links-Kurve eine Kombination, die ich sehr mag. Sie ist sehr schwierig einzuschätzen, es gibt viele verborgene Linien – und viele Möglichkeiten, einen Fehler zu machen. Man sieht den Scheitelpunkt beim Einlenken nicht, die Leitplanken folgen auch nicht so exakt dem Kurs, dass man sich daran orientieren könnte. Nach dem Schwimmbad wurde in diesem Jahr die Zufahrt zur Rascasse geändert, man fährt jetzt gerade auf diese kritische Kurve zu, in der es immer sehr viele Unfälle gab. Das ist etwas einfacher und sicherer, aber aufpassen muss man trotzdem.

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