Sport : Mit kleinen Schritten

Tobias Unger ist als einziger Europäer im 200-Meter-Finale bei der Leichtathletik-WM

Friedhard Teuffel

Helsinki - Tobias Unger kommt gerade laufend zu neuen Auszeichnungen. Er darf sich zum Beispiel schnellster Bürger der Republik nennen, weil über 100 Meter zurzeit kein Deutscher schneller ist als er und über 200 Meter noch nie einer schneller war. Vielleicht ist der 26 Jahre alte Schwabe sogar der populärste deutsche Leichtathlet. Das könnte an seiner bodenständigen Art liegen, aber auch an seiner Strecke. Der Sprint hat schon immer das Publikum elektrisiert. An diesem Donnerstag kommen nun weitere Auszeichnungen hinzu. Unger ist der einzige Europäer und der einzige weiße Läufer, der das Finale über 200 Meter bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Helsinki erreicht hat.

Es knisterte auch noch nach dem Halbfinale über 200 Meter. Tobias Unger stand mit einer großen, raschelnden Decke aus Aluminiumfolie hinter der Laufbahn und versuchte, sich gegen die Kälte zu schützen. „Ich sehe aus wie ein Knallbonbon“, sagte er. Unger wirkte gelöst, weil er sein Ziel eigentlich schon erreicht hat, die Qualifikation für den Endlauf. In seinem Halbfinale hatte er nach 20,63 Sekunden die Linie überschritten, als Dritter seines Laufs. Was jetzt im Finale noch kommen kann? „Achter wäre zu einfach, da wäre ich vorher gar nicht mehr nervös. Siebter war ich schon bei den Olympischen Spielen in Athen. Ich glaube, ich werde um Platz fünf und sechs laufen“, sagte Unger. An eine Medaille zu denken, sei jedenfalls zu viel des Guten.

Bis hierhin hat Unger dennoch schon viele Hoffnungen erfüllt. Er ist über 200 Meter Dritter bei der Hallen-Weltmeisterschaft 2004 geworden und in diesem Jahr Erster bei der Hallen-Europameisterschaft. Den deutschen Rekord über 200 Meter hält er seit der deutschen Meisterschaft Anfang Juli in Bochum-Wattenscheid. Da lief er 20,20 Sekunden. An den Amerikanern ist es jedoch schwer vorbeizukommen. Sie bleiben schon mal unter 20 Sekunden. Wenn Unger darauf angesprochen wird, ob er nicht gerne einmal vor allen Amerikanern ins Ziel kommen würde, sagt er einen seinen Lieblingssätze: „Wir sind hier nicht bei ,Wünsch Dir was’.“

Tobias Unger ist nicht mit einem Knall auf der großen Leichtathletik-Bühne erschienen, er hat sich ihr Schritt für Schritt und von Hundertstel zu Hundertstel genähert. Mit seinem Trainer Mihai-Marius Corucle arbeitet er schon seit 1993 zusammen. Seine konstante Leistungsentwicklung macht ihn auch weniger verdächtig für Dopingvorwürfe. Neben der Kontinuität hat ihn sein Ehrgeiz nach vorne gebracht. Außerdem sagt er: „Ich hatte Glück, dass ich bisher von schwereren Verletzungen verschont geblieben bin.“

In seinem Leben als Profisportler geht Unger nicht viele Kompromisse ein. Das Training lasse er niemals ausfallen, begonnen hat er das Trainingsprogramm in diesem Jahr am 1. Januar um 11 Uhr. Neulich hat Unger einmal gesagt: „Mit Beachvolleyballspielen werde ich nun mal nicht schneller.“ Dafür mit einem offenbar gut durchdachten und intensiven Training. Manchmal lässt ihn sein Trainer 18 Mal die 200 Meter in 28 Sekunden laufen oder zehn Mal die 100 Meter mit Schrittsprüngen.

Tobias Unger führt das Leben eines asketischen Athleten. „Unter der Woche trinke ich ohne Anlass niemals ein Bier“, sagt der Sportstudent Unger. Zu Hause habe er auch kein Bier im Kühlschrank stehen. Er vermisse trotzdem nichts, schließlich gebe ihm der Leistungssport genug zurück. Der Abend vor seinem Finale in Helsinki sieht so aus: „Ich versuche, früh ins Bett zu gehen.“ Und der Tag des Finales wird mit einem entspannenden Spaziergang um einen See beginnen. Aufregend wird es für ihn noch früh genug.

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