Sport : Mit neuer Moral

Trainer Jürgen Klopp macht’s möglich: Borussia Dortmund glaubt wieder an eigene Stärken

Felix Meininghaus[Dortm]

Jürgen Klopp ist ein blendender Rhetoriker. Doch nach diesen Erlebnissen rang auch Borussia Dortmunds Trainer eine Weile nach den richtigen Worten. Erst eine dreiviertel Stunde, nachdem das hochdramatische 132. Revierderby zwischen dem BVB und Schalke 04 beendet war, begann der 41-Jährige zu dozieren, auf welche drei Dinge es bei einer Fußballmannschaft in erster Linie ankommt: Qualität, Charakter und Moral. „Qualität haben wir heute nicht viel gezeigt, aber Charakter und Moral. Und deshalb ist ein spektakuläres Spiel herausgekommen.“

Tatsächlich hatten über 80 000 Zuschauer in Dortmund ein denkwürdiges Derby erlebt, bei dem die Borussia aus einem 0:3 noch ein 3:3 gemacht hatte. Während die Schalker in der turbulenten Schlussphase abstürzten, erlebte der BVB einen emotionalen Ausnahmezustand. Sicher, die Schalker haderten zu Recht mit Schiedsrichter Lutz Wagner und seinen Assistenten, die den zweiten und dritten Dortmunder Treffer durch krasse Fehlentscheidungen erst ermöglicht hatten. Dennoch bleibt es eine bemerkenswerte Leistung der Borussia, den hohen Rückstand noch aufgeholt zu haben und damit den moralischen Sieg bei dieser prestigeträchtigen Auseinandersetzung zu erringen. Klopp ahnte, was der Absturz beim Rivalen ausgelöst hatte: „Wenn du nach 66 Minuten 3:0 führst so wie Schalke, dann fühlt sich ein 3:3 am Ende nicht gerade weltklasse an.“

Umso intensiver war die Freude im schwarz-gelben Lager über eine Aufholjagd, die die Handschrift von zwei Protagonisten trug: Da ist zum einen Klopp selbst, der mit seiner positiven Ausstrahlung und seiner kaum zu bremsenden Begeisterungsfähigkeit beim BVB in wenigen Wochen eine ganze Menge erreicht hat. Der Spieler, der die Vorstellungen des Starkstrom-Trainers am besten umsetzt, ist Alexander Frei. Eine Halbzeit lang hatte der Schweizer auf der Bank gesessen, weil er nach einer Knieverletzung noch nicht wieder vollständig hergestellt ist. Als der 29-Jährige aufs Spielfeld kam, stand es 0:2, wenige Minuten später war der Rückstand weiter angewachsen. Es war in erster Linie Frei, dieser unermüdliche Kämpfer und Antreiber, der die sich anbahnende Niederlage nicht akzeptieren wollte: Er trat den Eckball, den Subotic zum 1:3 einköpfte, er traf mit einem herrlichen Weitschuss in den Winkel und verwandelte auch noch den Elfmeter zum Ausgleich.

Eine ganze Menge für einen Arbeitseinsatz von 45 Minuten, aber nicht genug für einen vom Ehrgeiz Getriebenen: „Ich war unglücklich darüber, dass der Schiedsrichter so zeitig abgepfiffen hat und das Spiel schon vorbei war.“ Nur fünf Minuten mehr, so Freis Überzeugung, „und wir hätten das Ding noch gewonnen.“

Bei aller Begeisterung für das fulminante Ende verschwieg Klopp indes nicht, dass seine Mannschaft über weite Strecken erbärmlich gespielt hatte. „Um alle Fehler aufzuzählen, die wir bis zum 0:3 gemacht haben, würde die Zeit nicht reichen“, sagte Klopp. Auch Frei stimmte der glückliche Ausgang eines Spiels, das er als „vielleicht eines der besten Derbys aller Zeiten“ einstufte, etwas nachdenklich. Schließlich wartet als nächstes bei der Rückkehr auf die europäische Bühne mit Udinese Calcio im Uefa-Pokal eine Herausforderung, die wesentlich anspruchsvoller werden könnte als das Kräftemessen mit dem Nachbarn aus Gelsenkirchen. Und deshalb gelte es, dafür zu sorgen, die Fehlleistungen in Zukunft drastisch zu minimieren. „Gegen eine italienische Mannschaft“, so die Überzeugung von Frei, „holst du einen solchen Rückstand nicht mehr auf.“

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