Sport : Mit Sicherheit draußen

Charles A. Landsmann

Schluss, aus, Ende des israelischen Traumes einer WM-Teilnahme, aber auch des Albtraumes des Weltverbandes Fifa in Bezug auf das Sicherheitsrisiko Israel. Das Team des jüdischen Staates bleibt wieder einmal zu Hause, die genauso schwachen Österreicher spielen in zwei Ausscheidungsspielen gegen die Türkei.

Schuld daran ist Vitor Manuel Melo Ferreira. Nicht Dedi Ben-Dayan, der zwei hundertprozentige Torchancen vergab. Nicht Avi Nimni, der bei Andreas Herzogs entscheidendem Freistoß die Beine breit machte. Nicht Eyal Bercovic, der vor lauter provokativen Sprüchen das Spielen vergaß. Und auch nicht alle israelischen Feldspieler zusammen, deren Kraft gerade einmal für eine Stunde Mittelmäßigkeit reichte. Nein, es war, will man den Kickern in Blau-Weiß glauben, einzig und allein der portugiesische Schiedsrichter, der das letzte WM-Vorrundenspiel in einer europäischen Gruppe auf asiatisch-nahöstlichem Boden zugunsten der Österreicher entschied.

Dabei hat Ferreira sicher nicht gegen Israel gepfiffen, sondern einen Elfer gegen Österreich, den Shimon Gershon nach 53 Minuten sicher verwandelte. Einen zweiten Strafstoß für Israel hätte er zwar geben können, vielleicht müssen, und Torhüter Wohlfahrt hätte im Anschluss daran Rot für eine klare Tätlichkeit an Nimni verdient. Und auch der Freistoß, der in der Nachspielzeit zum österreichischen Ausgleich führte, hätte nicht unbedingt gegeben werden müssen. Doch alles "hätte" ändert nichts an der Tatsache, dass das Unentschieden letztlich exakt den gezeigten miesen Leistungen entsprach, also gerecht war.

Die Qualität des Spieles entsprach in keiner Weise dem fast weltweiten Interesse an ihm. Es ging nur für die beiden Teams letztlich darum, wer Gruppenzweiter würde, wofür die Israelis unbedingt einen Sieg brauchten, den Österreichern ein Remis reichte. Alle anderen interessierte nicht das Ergebnis, sondern das Erlebnis: Findet das Spiel statt? Wenn ja, wo und wie?

Wochenlang hatten sich die Österreicher unter Führung ihres Teamchefs Otto Baric mit allen möglichen Argumenten und unmöglichen Tricks gegen den Anpfiff des Spiels in Israel gewehrt: Man könne es den Österreichern nicht zumuten, angesichts islamistischer Bombenanschläge und israelisch-palästinensischer Schusswechsel ihr Leben zu riskieren. Die Fifa blieb hart - bis die ukrainische Luftabwehr versehentlich ein russisches Zivilflugzeug über dem Schwarzen Meer abschoss, das in Tel Aviv gestartet war: Fifa-Boss Sepp Blatter ordnete die Verschiebung des Spieles um drei Wochen an.

Baric und Co. gaben nicht klein bei. Wenn schon ihre Sicherheitsargumente nicht ausreichten, dann versuchten sie es eben mit faulen Ausreden. Denn immerhin wollten mindestens neun österreichische Spieler - sechs allein von Meister Tirol - lieber als Angsthasen in der Heimat weiterleben, als im Heiligen Land als Helden zu kicken. Folglich beklagten sie sich, sie könnten am Spieltag, dem jüdischen Ruhetag Sabbat, im koscheren Hotel keine warme Mahlzeit erhalten und ohne von innen aufgewärmten Bauch lasse sich nicht gut spielen.

Der Chefkoch des Hotels, zufällig ein gebürtiger Österreicher, belehrte den österreichischen Fußball-Verband und die Fifa eines Besseren, bis auf einen Punkt: Eine so heiße Suppe, wie Otto Baric sie auslöffeln wollte, konnte er ihm nicht servieren. Wie schon in der Politik zwischen Israelis und Palästinensern, kam auch diesmal die Hilfe aus dem hohen Norden, aus Norwegen. Was für die Politiker die in diesen Tagen zusammengebrochenen Osloer Verträge, war für die österreichischen Fußballer der norwegische Lachs (geräuchert) als Suppenersatz.

Der Wahl-Bremer Herzog war dann der Einzige, der mit vollem Magen im Nationalstadion in Ramat Gan die Nationalhymne sang oder zumindest die Lippen bewegte, denn zu hören war eh nix oder besser gesagt: erst die israelische Nationalhymne und dann ein Pfeifkonzert. Der Dirigent des Polizeiorchesters hatte seinen Musikern ("Denkt nur an Mozart und an nichts anderes") noch vorsorglich befohlen, die Austria-Hymne mit voller Kraft zu spielen, doch gegen 42 000 Pfeifer im Stadion waren sie chancenlos.

Lärm zu Beginn - Totenstille zum Schluss, genau nach 92 Minuten, als der Ausgleich fiel. Gershon hatte direkt vor dem Strafraum ein Allerweltsfoul begangen. Herzog trat zum Freistoß an und schoss den Ball dem in der Mauer aufspringenden Nimni durch die Beine und Torhüter Dudu Awat unter dem Bauch durch. Nach dem Schock flogen ein paar Gegenstände aufs Spielfeld. Einige Fans versuchten, den Platz zu stürmen. Doch das hatten die Ordnungskräfte schnell im Griff. Zwischen all dem lag eine Partie, die weder der einen Vorschau - "Es ist alles nur ein Spiel" -, noch einer anderen (desselben Kommentators) - "Es geht um mehr als nur Sport" - gerecht wurde. Man sollte dieses Spiel schlicht und schnell vergessen.

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