Sport : Mit uns zieht die neue Zeit

Beim Sieg über Island zeigt die deutsche Nationalmannschaft eine erfolgreiche Mischung aus Abgeklärtheit und Begeisterung

Stefan Hermanns

Hamburg. Christian Rahn ist zuletzt fußballerisch nicht gerade verwöhnt worden. Rahn spielt beim Hamburger SV, einem Klub, der in dieser Saison den eigenen Ansprüchen nur bedingt gerecht wird. In der vorigen Woche aber hat der 24-Jährige mit der deutschen Nationalmannschaft trainieren dürfen, und am Samstag nach seinem Einsatz gegen Island hat Rahn auf die Frage nach dem Unterschied zum HSV geantwortet: „Ich hatte andere Mitspieler.“ Vermutlich meinte er: „Ich hatte bessere Mitspieler.“ Rahn hat nämlich auch gesagt, dass der schlechte Rasen in der AOL- Arena für die Deutschen ein größerer Nachteil gewesen sei – „weil wir eher auch vom Spielerischen kommen“. Ein guter Witz, könnte man meinen.

Nach einem 3:0 gegen Island muss nicht gleich alles in Frage gestellt werden, was nach dem 0:0 gegen Island vor fünf Wochen noch dauerhaft verbürgt schien: dass die Nationalmannschaft die Sehnsucht nach schönem Fußball nicht wird erfüllen können. Aber ein wenig Zuversicht liefert das Spiel von Hamburg schon. „In dieser Mannschaft stecken Erfahrung und Qualität“, sagte Oliver Kahn, der beide Komponenten personifiziert. Aber anders als bei der WM vor einem Jahr ist der Erfolg nicht mehr nur von der Leistung des Torhüters abhängig.

Dem Team ist von ihrem Chef Rudi Völler eine gesunde und zeitgemäße Struktur verpasst worden. Christian Wörns sagte: „Wir haben eine ganz gute Mischung zusammen.“ Auch ohne die noch verletzten Hamann, Deisler, Jeremies, Frings und Metzelder. Mit denen aber könne man bei der EM erst recht „ein bisschen was reißen“. Völler hat um die einzigen beiden deutschen Weltklassespieler Kahn und Michael Ballack ein Ensemble aus international erfahrenen Kräften und jungen, aufstrebenden Nachwuchsleuten gebildet. Wörns fand es bemerkenswert, „wie viel Begeisterung in der Truppe ist. Das kommt vor allem von den jungen Spielern.“

Der Begeisterung steht eine Abgeklärtheit entgegen, die sich am deutlichsten in den Ergebnissen manifestiert. Die Qualifikationsspiele haben nicht immer souverän ausgesehen, am Ende aber ist entscheidend, dass die Nationalmannschaft ohne Niederlage durch die Ausscheidung gekommen ist. Überhaupt hat sie nur zwei Pflichtspiele verloren (gegen England und Brasilien), seitdem Völler im Amt ist. Der neue Stil – die Orientierung aufs wirklich Wichtige – wird vor allem von Michael Ballack geprägt. Der Münchner zählt zu den besten Mittelfeldspielern der Welt, doch anders als zum Beispiel Zinedine Zidane wird Ballack mit seinem Spiel niemals Wellen der Begeisterung auslösen; dafür strahlt er laut Völler eine Torgefahr aus, „die sensationell ist“. Ballack sei oft derjenige, „der das erste oder das spielentscheidende Tor erzielt“. Auch gegen Island schoss er das 1:0.

Der Mittelfeldspieler kompensiert mit dieser Qualität ein Manko der Nationalmannschaft, das auch nach dem 3:0 gegen Island bestehen bleibt. Obwohl die beiden Stürmer Fredi Bobic und Kevin Kuranyi je ein Tor erzielten und eins vorbereiteten, fehlt es den Deutschen im Vergleich zu den großen europäischen Fußballnationen im Angriff an internationaler Klasse. Frankreich hat Henry und Trezeguet, Holland van Nistelrooy und Makaay, Spanien Raul und Morientes, Italien Inzaghi und Vieri. Über den Mangel täuscht im Moment noch am ehesten Fredi Bobic hinweg, der gegen Island im zehnten Spiel nach seiner Rückkehr in die Nationalmannschaft sein siebtes Tor erzielte. Mit seinen fast 32 Jahren ist Bobic im Hinblick auf die EM in acht Monaten sogar noch ein Perspektivspieler.

Michael Ballack ist längst mehr als das. In der Nationalmannschaft hat er einen Status erlangt, den zuletzt Lothar Matthäus besaß. Matthäus aber war bei seinem ersten überragenden Turnier, der WM 1990, schon fast 30. Ballack ist gerade 27 geworden. Und ohne dass der Mittelfeldspieler gezielt darauf hinarbeitet, macht er Oliver Kahn, dem Torhüter, immer mehr die Rolle als wichtigste Führungsfigur des Teams streitig. Dem Spiel der deutschen Mannschaft kann das nur gut tun.

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