Mitgliederversammlung : Herthas Leninismus

Die Mitgliederversammlung von Hertha BSC Berlin steht im Geiste deutschen Revolutionseifers – es gibt ihn nicht.

Sven Goldmann
Schiller_Preetz
Die Manager des Fußball-Bundesligisten Hertha BSC, Ingo Schiller (Finanzvorstand, l), und Michael Preetz. -Foto: dpa

Berlin - Lenin hat über den Revolutionseifer der Deutschen gesagt, wenn sie einen Bahnhof besetzen wollten, würden sie vorher eine Bahnsteigkarte kaufen. So mutig sind die Deutschen schon lange nicht mehr. Man sieht das im Großen bei Debatten wie der über den Afghanistan-Einsatz und im Kleinen bei so skurrilen Veranstaltungen, wie die Mitgliederversammlung von Hertha BSC im ICC eine war. Die Basis, rechtschaffene Leute mit einer Dauerkarte in der Kurve und Meinungshoheit an den Stammtischen zwischen Wedding und Neukölln, sie hatte von Revolution schwadroniert, von Abwahlanträgen und schonungsloser Abrechnung. Aber als es darum ging, den Bahnhof zu besetzen, da traute sich keiner mehr, eine Bahnsteigkarte zu kaufen.

Am späten Montagabend gegen halb elf bat der Versammlungsleiter all die nach vorn auf die Bühne, die zuvor form- und fristgerecht Anträge zur Abberufung von Präsidium und Aufsichtsrat des noch bundesliganotierten Unternehmens Hertha BSC gestellt hatten. Es ist über diese Anträge viel geredet worden in den vergangenen Wochen, da Hertha BSC als Tabellenletzter der Fußball-Bundesliga die Konkurrenz vor sich hertreibt. Daran muss doch irgendjemand schuld sein, dachte sich die Basis und ortete eben diese Schuldigen dort, wo sie der kleine Mann in Zeiten der Krise aus moralisch nachvollziehbaren Gründen am liebsten sieht. Ganz oben.

Wahrscheinlich hat niemand darüber nachgedacht, was denn passieren würde, wenn Aufsichtsrat und Präsidium über Nacht mitten in der Saison nicht mehr sind. 33 Millionen Euro Schulden lassen sich nicht abwählen, weswegen Oppositionskandidaten für die Übernahme der wenigen Spitzenposten auch nicht Schlange standen. Es gibt bei Hertha ohnehin keine Opposition, nur ein allgemeines Unbehagen über den derzeitigen Zustand des Vereins. Dafür braucht es keine Revolution.

Als also gegen halb elf der Versammlungsleiter die vermeintlichen Rebellen auf die Bühne bat, mochten die nicht mehr die Abberufung der Granden beantragen, sondern die Auflösung des Aufstandes. Der erste stellte eine Handvoll Anträge, die niemand so recht verstand, er selbst wahrscheinlich auch nicht, weshalb er alle Anträge gleich wieder zurückzog. Diesem Beispiel folgten auch die nachfolgenden Rebellen, bis nur noch eine übrig blieb, die ihren Aufruf zur Besetzung des Bahnsteiges nur deshalb nicht zurückziehen konnte, weil sie gar nicht erst die Bahnsteigkarte gelöst hatte. Unter dem Gelächter der knapp 2000 Mitglieder verkündete der Versammlungsleiter, die Antragstellerin habe über ihren Mann telefonisch ausrichten lassen: Alles nicht so böse gemeint, Präsidium und Aufsichtsrat sollten mal ruhig weitermachen und selbstverständlich ziehe sie ihren Antrag zurück.

Damit aber mochte sich der Versammlungsleiter nicht zufriedengeben. Revolution war angekündigt, also sollte auch ein bisschen Revolution gespielt werden. Aus formaljuristischen Gründen fand das fernmündliche Zurückziehen der Abwahlanträge keine Anerkennung. Das fügte sich ganz gut in das, was Präsident Werner Gegenbauer der Basis mit auf den Weg gegeben hatte: „Dieses Präsidium ist kein Schönwetterpräsidium, aber Sie müssen uns schon haben wollen!“

Die geheime Abstimmung zeitigte ein nicht ganz unerwartetes Ergebnis. Die Abberufung des Aufsichtsrates wurde mit 1104 zu 207 Stimmen, die des Präsidiums mit 1073 zu 277 Stimmen abgelehnt. Als der Versammlungsleiter diese Zahlen um kurz vor halb zwölf verkündete, widmete sich ein großer Teil der Basis im Foyer schon den wirklich bedeutenden Dingen des Abends, nämlich Bier und Bockwurst.

Vier Erkenntnisse werden bleiben von dieser Mitgliederversammlung. Erstens: Hertha BSC wird den schwerlich abzuwendenden Gang in die Zweite Liga in selten erlebter Geschlossenheit antreten (was nicht das schlechteste Zeichen ist). Zweitens: Manager Michael Preetz kann 45 Minuten lang fehlerlos vom Blatt ablesen und damit auch die böswilligsten Krakeeler einschläfern. Drittens: Lucien Favre ist an allem schuld. Viertens: Der brave Arne Friedrich beherrscht die Kunst der freien Rede, mit durchaus derbem Vokabular („ich habe ... viel auf die Fresse bekommen“) weckte der Mannschaftskapitän alle aus ihrem Gefälligkeitsschlummer auf den bequemen Polstersitzen.

Friedrich war der Überraschungssieger des Abends und nebenbei wie seine Mannschaftskollegen ein Krisengewinnler. Die Profis mussten zwar bis zum dösigen Ende der Veranstaltung ihrer Anwesenheitspflicht nachkommen. Dafür wurde ihnen am Dienstag das Vormittagstraining erlassen. Kein schlechter Tausch im Berliner Novemberdauerregen.

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