Motorrad-Rennen : Stefan Bradls schmerzvolle Aufholjagd

Statt um den WM-Titel kämpft Motorradpilot Stefan Bradl derzeit gegen Druck und Verletzungen.

Christian Hönicke[Barcelona]
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Nur noch schöne Erinnerung. 2008 wurde Bradl WM-Vierter und träumte vom Titel. Nun hat ihn die Realität eingeholt. Foto: ddp

Die Hand mit der blauen Manschette liegt auf der Stuhllehne. Gerade eben war sie noch, unter einem Motorradhandschuh versteckt, beim Grand Prix von Katalonien über die Strecke von Barcelona gerast und mitsamt ihrem Besitzer als Siebter ins Ziel gekommen. Stefan Bradl schaut auf seine Hand und nickt. „Sie tut weh, ja“, sagt der deutsche Motorradpilot. „Die Schmerzen merkt man, wenn man abgestiegen ist.“ Dann weicht das Adrenalin und macht Platz für unangenehme Stiche. Die blaue Manschette ist eine Art tragbares Mahnmal, das seinen Besitzer immer wieder an die unangenehme Wahrheit erinnert: „Dieses Jahr ist es nicht mehr ganz so einfach.“

Jedenfalls bei weitem nicht so einfach wie im vergangenen Jahr. Nach zwei Siegen, dem Höchstgeschwindigkeitsweltrekord für 125-ccm-Motorräder (245,9 km/h) und dem vierten WM-Platz schien es, als könne der Aprilia-Fahrer nun das Versprechen einlösen, die große deutsche Tradition von Motorradstars wie Toni Mang und seinem Vater Helmut Bradl nach Jahren des Leerlaufs fortzuführen. „Vielleicht waren wir durch die Erfolge ein wenig verwöhnt“, sagt Stefan Bradl. So sehr, dass er für sich und sein Kiefer-Team den Weltmeistertitel als Ziel ausgab. Doch genau dieser Anspruch, dazu Pech, Probleme mit dem Motorrad und neue Konkurrenz haben ihn nun erst einmal ausgebremst.

Schon beim Testen für die neue Saison sei es „nicht ganz so rund“ gelaufen. Bradls Motorrad stellte sich als störrischer und schwieriger abzustimmen als das Vorgängermodell heraus, und so liefen auch die ersten Rennen nicht besonders. „Dann fragt jeder: Was ist denn los?“, sagt der 19-Jährige. „Tja, und dann zweifelt man ein bisschen an sich selbst und will unbedingt weiter nach vorn und macht sich selbst ein bisschen Druck.“ Dann lief die Abwärtsspirale erst richtig an. Bradl versuchte es „mit Gewalt und Brechstange“ und wurde dadurch nur noch langsamer. Schlimmer noch: „Ich bin dieses Jahr schon so oft gestürzt, einfach durch den Druck und weil ich schneller fahren wollte, als es das Motorrad zugelassen hat. Zum Beispiel in Mugello.“ Da handelte er sich im Training die Knochenabsplitterung am Mondbein (Handwurzelknochen) ein, die das ungewollte Souvenir der blauen Manschette nach sich zog. Und die Schmerzen.

„Auf der Strecke geht’s – nach zwei, drei Runden, merkt man es nicht mehr“, sagt Stefan Bradl, er sei „fahrerisch schon wieder auf einem guten Level“. Das bewies er am Wochenende in Barcelona auch mit seiner Aufholjagd nach verpatztem Start. Aber natürlich hilft ihm das verletzte Handgelenk beim Weg zurück an die Spitze nicht gerade, denn für die akrobatischen Kurventurnübungen auf dem Motorrad benötigt man eine exzellente Fitness. Den Titelgewinn für diese Saison hat Bradl deshalb vorübergehend erst einmal wieder von der „To-Do“- Liste gestrichen. Ein regenerativer Kurzurlaub kam für ihn trotzdem nicht in Frage. „Pausieren hilft mir auch nicht weiter. Soll ich im Fernsehen zuschauen, wie die hier fahren?“

Ein Grund für diese Haltung könnte auch die Tatsache sein, dass dem Hoffnungsträger inzwischen Konkurrenz im eigenen Land erwachsen ist. Zwar sind die Kameras der deutschen Fernsehsender noch immer die meiste Zeit in seiner Box, doch Sandro Cortese, der in Barcelona Neunter wurde, liegt in der WM mittlerweile genauso vor dem zehntplatzierten Bradl wie der 15 Jahre alte Neuling Jonas Folger. Letzterer hat mit seinem zweiten Platz in Le Mans und seinem sechsten Platz in Barcelona ein gehöriges Stück Aufmerksamkeit eingeheimst.

Stefan Bradl hört sich an wie ein alter Mann, wenn er nach Erklärungen dafür sucht. „Dass der Jonas noch ein bisschen jünger ist, ist auf der Strecke ein Vorteil für ihn“, sagt der 19-Jährige. „Da hat er nichts zu verlieren und fährt einfach drauf los. Er ist nicht unter Druck und hat Spaß an der Sache, da ist es für ihn ein bisschen einfacher als für mich.“ Außerdem gehöre eben auch Glück dazu: „Jonas war in Barcelona am Freitag ganz hinten, im Qualifying war er Dritter. Da reicht ein guter Windschatten, und es spült dich nach vorn.“ Momentan sucht Stefan Bradl nach seinem Windschatten. Immerhin hat er dabei schon zwei wichtige Erkenntnisse gewonnen. Erstens: „Ich muss die Ruhe bewahren – den Erfolg mit Gewalt erzwingen geht nicht. Aber ich bin auf dem richtigen Weg.“ Und zweitens: „Motorradfahren macht Spaß, aber es kann auch manchmal hart sein und weh tun.“ In der rechten Hand und auch anderswo.

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