Motorrad-WM : Die Party von Hohenstein-Ernstthal

Seit 90 Jahren rasen Motorräder über den Sachsenring. Zur Premiere bejubeln 80 000 Fans Jonas Folger.

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Zu Hause in Westsachsen. Der Deutsche Jonas Folger erreichte mit Platz zwei die beste Platzierung seiner Karriere. Foto: AFP
Zu Hause in Westsachsen. Der Deutsche Jonas Folger erreichte mit Platz zwei die beste Platzierung seiner Karriere.Foto: AFP

Als Jonas Folger in der sechsten Runde die Führung bei seinem Heimrennen übernahm, hielt es keinen der 80 000 Fans auf den Sitzen. Das änderte sich auch nicht, als der MotoGP-Neuling einige Runden später wieder von Marc Marquez eingeholt wurde. Der Spanier holte bei der Motorrad-WM seinen achten Sieg nacheinander auf dem Sachsenring, Folger blieb mit Rang zwei das beste Ergebnis seiner Karriere. „Ich bin überwältigt. Ich hatte eine Gänsehaut in der Auslaufrunde“, sagte Folger im Ziel. „Das war bis jetzt das geilste Rennen meiner Karriere.“ Und natürlich bekomme er mit, „was neben der Strecke abgeht“.

Folger meint damit den legendären Ankerberg-Campingplatz, auf dem so viele Motorsportverrückte übernachten. „Vor allem nachts ist das hier eine andere Welt“, sagt Besucher Mirko, der mit Freunden in einem Bulli übernachtet. Sobald es dunkel wird, legt sich Nebel über den Hügel direkt neben der Rennstrecke. Und der kommt nicht vom ständigen Regenwetter, sondern von qualmenden Reifen. Es riecht nach Benzin, Alkohol und Grillparty. Fahrgeschäfte und mobile Diskotheken vermitteln den Eindruck, man sei auf einer Kirmes. Und doch lebt der Sachsenring – die größte deutsche Rennsport-Veranstaltung – nicht nur von der Begeisterung der Fans. Ohne die Motivation der ehrenamtlichen Mitarbeiter gäbe es die mehrere Millionen Euro teure Veranstaltung so wohl längst nicht mehr.

Valentino Rossi ist nach wie vor der Zuschauermagnet

Etwa 1200 Freiwillige sind auch in diesem Jahr wieder im Einsatz gewesen. „Ein bisschen verrückt muss man schon sein“, sagt Jörg, der Autos auf dem Parkplatz einweist und so gut wie nichts vom Rennen mitbekommt. So wie die anderen, die als Ordner an Tribünen und Eingängen, als Shuttlefahrer oder an Infoständen arbeiten. „Einige sind Helfer in der dritten Generation“, sagt Vorstand Grit Adling vom privaten Förderverein Sachsenring.

Seit 1927 werden in der Region Rennen gefahren, damals ging es beim Badberg-Vierecksrennen auf knapp neun Kilometern auch durch den Ort Hohenstein-Ernstthal, unter anderem über Kopfsteinpflaster. „Meine Mutter erzählt heute noch davon, wie sie mit dem Opa im Garten stand, als die Motorräder vor der Haustür vorbei schossen“, sagt Jörg vom Parkplatz. Die Naturstrecke ist mittlerweile natürlich einer permanenten gewichen, eingerahmt in die Straßen, die den Mythos Sachsenring als rasante Berg-und-Tal-Fahrt begründeten. Mittlerweile kommt der WM-Zirkus seit 20 Jahren ununterbrochen zum Deutschland- Grand-Prix nach Westsachsen.

Der einzige aktive Fahrer, der jedes Jahr dabei war, heißt Valentino Rossi. Er ist nach wie vor der Zuschauermagnet. Etwa jeder dritte Besucher trägt entweder eine Mütze mit Rossis Startnummer 46 oder ein T-Shirt. Es gibt sogar eine eigene Rossi-Tribüne, von der regelmäßig gelber Rauch aufsteigt. Am Sonntag hatten die Rossi-Fans einigen Grund zum Zündeln. Nach zwei Defekten im Training startete Rossi von der neunten Position aus und kämpfte sich auf Rang fünf vor. In der Gesamtwertung der WM hat jedoch Marquez wieder die Führung inne, Rossi liegt auf Platz vier. Die Internationalität wirkt heute normal, in den 60er und 70er Jahren wurde sie durch Fahrer wie der Italiener Giacomo Agostini in die abgeschottete DDR gebracht.

Fans des italienischen Fahrers Valentino Rossi auf den Rängen an der Strecke. Foto: dpa
Fans des italienischen Fahrers Valentino Rossi auf den Rängen an der Strecke.Foto: dpa

Wer am Ende gewinnt, ist vielen Zuschauern dabei fast egal. „Alle freuen sich gemeinsam über ein paar ausgelassene Tage und ein gutes Rennen“, sagt Jürgen, der seit 1998 jedes Jahr zum Sachsenring kommt. Formel 1 hätte er auch mal versucht. Die dreimal so teuren Tickets und Atmosphäre wäre nichts für ihn gewesen, sagt er. „Alle etwas hochnäsig da.“

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