Sport : Motorrad-WM: Zahm im goldenen Käfig

Claus Hecking

Der Arbeitsplatz des Motorrad-Rennfahrers Klaus Nöhles ist einer der begehrtesten in der 250er-Weltmeisterschaft. Ein riesiger, mit allen Extras versehener Truck kutschiert alle zwei Wochen die Aprilia des 24-jährigen Deutschen quer durch Europa zu den Rennen. Die Box wirkt nicht nur sauberer und ordentlicher als die der meisten anderen Teams. Sie ist auch mit High-Tech ausgestattet, um noch die letzten Zehntelsekunden aus den über 100 PS starken Werksmotorrädern herauszukitzeln.

Nöhles Rennstall Aprilia Germany kostet seine Sponsoren mehr als vier Millionen Mark pro Jahr. Aber bislang war diese Investition stets ihr Geld wert. Schließlich sorgten Nöhles Vorgänger Reinhold Roth, Helmut Bradl, Jürgen Fuchs und Ralf Waldmann mit ihren Erfolgen dafür, dass die Sponsoren bei jedem Rennen ihre Logos im Fernsehen bewundern konnten. In den vergangenen 15 Jahren kämpften die Deutschen immer wieder um Grand-Prix-Siege, mitunter sogar um den Weltmeistertitel. Und am Ende jeder Saison erhielt Cheftechniker Sepp Schlögl lukrative Angebote namhafter ausländischer Teams. Denn meistens waren die von ihm getunten Motorräder schneller als die der Konkurrenz.

In diesem Jahr ist alles anders. Waldmann ist von zwei auf vier Räder umgestiegen und jagt nun im Porsche-Cup seine Gegner vor sich her. Sein Nachfolger Nöhles bleibt weit unter den eigenen Erwartungen. Zu den besten sechs Piloten der diesjährigen Weltmeisterschaft wollte er eigentlich gehören sowie bei ein oder zwei Rennen auf dem Siegespodest den Champagner versprühen. So weit der Anspruch. Doch die Wirklichkeit bringt für Nöhles statt Sekt nur Selters. Nach sieben von 16 Saisonrennen belegt er einen indiskutablen 20. Rang in der Gesamtwertung, sein bestes Einzelresultat war ein zwölfter Platz. Und das ist besonders schlimm, weil Nöhles seinem eigenen Teamkollegen Jeremy McWilliams sowie seinem mit schlechterem Material ausgestatteten Landsmann Alexander Hofmann weit hinterherfährt.

"Der Alex hat auch keinen Druck", verteidigt sich Nöhles, "ich dagegen stehe im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses." Erst ein Jahr lang sei er in der Weltmeisterschaft, und nie zuvor habe er ein so leistungsstarkes Motorrad gefahren: "Trotzdem erwarten alle von mir, dass ich so erfolgreich bin wie Waldmann. Das macht mir zu schaffen." Offenbar wird Nöhles mit dem Erfolgsdruck nicht fertig. Für ihn ist sein Traumteam zu einem goldenen Käfig geworden. Doch in den kommenden Wochen muss er endlich ausbrechen. Denn bis zur Sommerpause, in der die Verträge fürs nächste Jahr ausgehandelt werden, sind nur noch zwei Rennen zu fahren, das erste davon heute in Donington. Zwar hat Nöhles auch für 2002 bei Aprilia unterschrieben. Doch die genauen Vertragsmodalitäten sind noch nicht festgelegt. "Notfalls", droht Aprilias Rennsportchef Jan Witteveen, "lassen wir ihn ein Jahr zu Hause herumsitzen."

Auch die Geduld von Teamchef Dieter Stappert neigt sich dem Ende zu. "Wir sind ganz schön angefressen", sagt der Österreicher erbost. "Im Moment geht nichts voran. Aber vor der Sommerpause muss es noch einen Schlag nach oben tun." Die Techniker, behauptet Stappert, hätten keine Schuld am anhaltenden Misserfolg. Nöhles selbst habe im letzten Jahr sein Talent bewiesen, als er bei seinem WM-Debüt mit unterlegenem Material auf Rang zwölf der Gesamtwertung fuhr. "Aber im Moment steckt Klaus in einem Loch", sagt Stappert. "Er hat den Kopf voll mit tausend Dingen."

Tatsächlich mangelt es Nöhles nicht an Ablenkung. Seine Freundin erwartet ein Kind, und zu Jahresbeginn hat sich der 24-Jährige ein Haus gekauft. Doch dass seine Branche solche Entschuldigungen nicht gelten lässt, weiß Nöhles selbst. "Die Schuld an meinen Resultaten trage ich", gibt der Rennfahrer mit dem eigenwilligen Kinnbart unumwunden zu. "Ich bin aber besser als meine Resultate. Eigentlich wollte ich schon 2002 um Siege und 2003 um den Titel kämpfen", erklärt der Deutsche. "Jetzt muss ich meine Pläne um ein Jahr nach hinten verschieben."

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