Motorsport : „Kein Mensch will, dass etwas Schlimmes passiert“

Architekt Hermann Tilke über seine neueste Formel-1-Strecke in Indien, die Kritik an seinen Kursen und Todesfälle im Motorsport.

Architekt Hermann Tilke arbeitet zur Zeit an den neuen Kursen in Sotschi und New York.
Architekt Hermann Tilke arbeitet zur Zeit an den neuen Kursen in Sotschi und New York.Foto: dpa

Herr Tilke, bekommen Sie eigentlich genug Schmerzensgeld dafür, dass Sie der wohl meistbeschimpfte Mann der Formel 1 sind?

Ich empfinde das nicht als Schmerz. Es gibt Kritik, die sehr konstruktiv ist. Die gucken wir uns genau an und ziehen Lehren daraus. Aber oft ist Kritik auch unvermeidbar. Wir haben Restriktionen beim Bau einer Strecke – und wenn es nur das Budget und die Grundstücksgrenzen sind. Wenn man mit Fahrern oder anderen redet, wird ihnen meist klar, dass es kaum andere Möglichkeiten gegeben hätte.

Und die harte Kritik an Ihren angeblich langweiligen Strecken in den Fanforen perlt an Ihnen ab?

Man denkt halt immer: Wenn die wüssten... Wenn die Strecken langweilig sind, dann sind das die Zeichen der Zeit. Wenn man bei unseren Strecken die Auslaufzonen wegmachen würde und direkt die Leitplanke da hinstellen würde, sähen die ganz anders aus. Aber das geht einfach nicht, weil es dann sehr unsicher ist. Sicherheit ist das erste, was stimmen muss.

Der ehemalige Weltmeister Jackie Stewart kritisierte dennoch vor kurzem, Ihre Strecken seien inzwischen schon zu sicher, weil sie zu viele Fahrfehler verzeihen. Fühlen Sie sich durch die tödlichen Unfälle des Indycar-Piloten Dan Wheldon und des Motorradfahrers Marco Simoncelli bestätigt?

Es will schon jeder, dass Fahrer auch einmal Fehler machen und rausrutschen oder in der Kurve querstehen. Aber kein Mensch will, dass etwas Schlimmes passiert, auch Jackie Stewart nicht. Deswegen gibt es den Sicherheitsstandard der Fia, der sich immer weiter entwickelt hat.

Simoncelli starb in Sepang auf einer Strecke, die Sie gebaut haben. Berührt Sie das?

Es berührt eigentlich immer, egal wo es passiert. Das ist etwas ganz Furchtbares, etwas ganz Schreckliches. Ich hatte mir den Motorrad-Grand-Prix im Fernsehen angesehen, und es hat mich schon für den Rest des Tages sehr traurig gemacht. Aber im Motorsport bleibt das Restrisiko, leider. Autos und Strecke können noch so sicher sein, es kann trotzdem etwas passieren, wie jetzt in Malaysia.

Wie beurteilen Sie die Standards auf den Ovalkursen der Indycars, die keinerlei Auslaufzonen haben?

Sie haben einen eigenen Standard. Es wird dauerhaft mit einer wahnsinnig hohen Geschwindigkeit gefahren, und es sind für diese kurzen Strecken ganz viele Autos unterwegs. Wenn dann etwas passiert, gibt es eine Kettenreaktion und das kann besonders schlimm ausgehen.

Sind Formel-1-Strecken wegen der engen Vorgaben des Automobil-Weltverbands Fia schwieriger zu bauen als andere?

Auf jeden Fall. Wir haben bei anderen Strecken mehr Freiheiten, gerade bei Steigungen, Gefälle, Kuppen und Wannen, weil die an den Stellen auch nicht so schnell sind. Wir wollen ja nicht, dass das Auto auf einer Kuppe abhebt. Und da ist es ein Unterschied, ob man mit 150 oder mit 250 da ankommt.

Das Layout der neuen Strecke in Indien bekommt Komplimente von den Fahrern. Freut das den vielkritisierten Architekten?

Ja, das freut uns natürlich riesig, wenn die Fahrer ein gutes Feedback geben. Als wir vor knapp vier Jahren hier angefangen haben, war es flaches Land, aber wir wollten zumindest ein paar Hügel aufschütten. Letztendlich haben wir hier vier Millionen Kubikmeter Erde verschoben. Das ist interessanter, als wenn alles flach wäre.

Jackie Stewart hat dennoch bemängelt, dass die meisten Ihrer Strecken Kopien voneinander seien. Sie selbst vergleichen Kurve zehn der neuen Strecke in Indien mit Kurve acht in Istanbul. Gehen Ihnen die Ideen aus?

Nein, mit Sicherheit nicht. Eine Kurve steht ja nie allein, sondern immer in Verbindung mit der vorhergehenden und der folgenden. Und sie wirkt ganz anders, wenn sie andersrum gefahren wird, oder wenn man schneller oder langsamer auf sie zufährt. In Indien ist es einfach aus dem Design heraus so entstanden. Es ist sicher keine Kopie. Andererseits: Wenn etwas besonders gut ist, kann man überlegen, in welcher Form man das denn noch mal verwenden könnte.

Viele Fans finden, dass so der unverwechselbare Charakter einer Strecke verloren geht.

Der Charakter der Gesamtstrecke ist immer ein anderer. Aber man muss auch sehen, dass neue Strecken einen entscheidenden Nachteil haben: Sie haben noch keine Tradition. Es muss ein bisschen Zeit über die Strecke gehen, und dann kann man beurteilen, ob sie gut ist oder nicht. Und da muss ich sagen, dass das meiste doch recht gelungen ist.

Wie immer wurde die Strecke in Indien erst kurz vor dem Rennen fertig. Ist die Zeit zu knapp, um einzigartige Kurse zu schaffen?

Wenn wir anfangen zu bauen, ist es meistens schon zu spät. Vom Design bis zur Einweihung sind es meist nur vier oder fünf Jahre. Es darf auch keinen Grund geben, warum wir nicht fertig werden dürfen, weder schlechtes Wetter noch schwieriger Baugrund. Da muss man sich nach der Decke strecken.

Sie bauen auch die neuen Strecken in New York und Austin in den USA sowie in Sotschi in Russland. Wann wird die Formel 1 zur reinen Tilke-WM?

(lacht) Nächste Frage. Nein, das wird es nie werden, es gibt ja immer auch andere Strecken. Es gibt tolle Traditionsstrecken, mit denen wir nichts zu tun haben.

Aber Formel-1-Chef Bernie Ecclestone strebt nach immer neuen Märkten, und Sie sind sein Lieblingsarchitekt.

Wir sind ja nicht für Ecclestone oder die Formel 1 tätig, sondern für die Bauherren vor Ort. Ecclestone sagt nichts gegen uns, er empfiehlt uns manchmal, aber auch nicht immer. Wir arbeiten schon mit ihm zusammen, denn er bringt auch Ideen mit – die Asphaltauslaufzone etwa stammt von ihm. Aber rein vertragsrechtlich haben wir gar nichts mit ihm zu tun.

Verhindert Ihr Monopol in der Formel 1 einen Ideenwettbewerb?

Ich denke, wir haben schon sehr viel Wettbewerb. Die angesprochene Kritik ist ja auch eine Art Wettbewerb. Für unseren Kunden hat es den Vorteil, dass wir viel Erfahrung haben und deshalb weniger Fehler machen. Das zweite ist, dass wir viel mehr an die Grenzen gehen können als jemand, der das zum ersten Mal macht. Wir haben kein Monopol, aber viele Kunden wollen das eben nutzen.

Nach der Kritik von McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh, Sie würden Fahrer und Teams nicht genug integrieren, durften die Piloten die Strecke in Indien nun vorher im Simulator antesten. Gab es Änderungsvorschläge?

Ja, es gab welche, die auch eingearbeitet worden sind. Es ist in der Regel nicht die große Sache, die können wir schon, das machen wir schon richtig. Es hängt meist an Kleinigkeiten, und die kann man dann ganz schön im Simulator sehen.

In den meisten Ländern, in denen Sie jüngst Strecken gebaut haben, hält sich die Rennsportbegeisterung in Grenzen. Hat die Formel 1 in Indien dauerhaft Zukunft?

Es hat sich in den letzten Jahren schon sehr stark entwickelt hier mit dem Motorsport. Es gibt in Indien eine immer größer werdende Mittelschicht. Die meisten davon haben selbst ein Auto und viele davon sind vom Motorsport infiziert. Das wird sich sicher noch positiv verändern.

Die Fragen stellten Christian Hönicke und Karin Sturm.

Hermann Tilke, 56,

ist ein deutscher Architekt, der sich auf Rennstrecken spezialisiert hat. Acht der 19 Kurse im aktuellen Formel-1-Kalender wurden vollständig von ihm entworfen.

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