Sport : Münchner Olympiastadion

Zum Abschied bekommt der FC Bayern noch einmal die Meisterschale und siegt 6:3 gegen Nürnberg

Daniel Pontzen

Junis war sprachlos. Der Stadionsprecher hat es kurz gemacht: „Junis, du bist die Miss FC Bayern der Saison!“ Das Mädchen, das sich wie sieben Konkurrentinnen in ein hautenges Retro-Trikot gezwängt hat, weiß nicht wohin mit so viel Ehre. „Ich danke allen“, sagt sie verlegen in ein Mikrofon, „ich bin echt sprachlos.“

Es ist der Tag des Danke-Sagens und der Ehrungen und der großen Gefühle im Münchner Olympiastadion an diesem Sonnabend, es heißt Abschied nehmen, nach 33 Jahren. „Oly“ haben die Münchner das Stadion manchmal genannt, obwohl ihre Beziehung zu der zeltbedachten Betonwüste nicht immer so liebevoll war wie die Bezeichnung vermuten lässt, was einst in Franz Beckenbauers Empfehlung gipfelte, das Stadion doch bitte baldmöglichst in die Luft zu sprengen. Inzwischen hat sich die Stadionfrage längst zum Guten entschieden, die Bayern ziehen bald in der Allianz-Arena ein, und spätestens jetzt haben alle irgendwie ihren Frieden mit dem Oly geschlossen.

Sportlich ist das Abschiedsspiel eine belanglose Angelegenheit, für beide Mannschaften geht es um gar nichts mehr. Vermutlich hatte deshalb nicht jeder Beteiligte eine so klare Vorstellung vom Ausgang des Spiels wie Nürnbergs Trainer Wolfgang Wolf, der versicherte, er sei „schon zufrieden mit einem Ergebnis, mit dem ich gut leben kann“. Es deutet sich früh an, dass es ein Ergebnis wird, mit dem Wolf nicht gut leben kann. Nach sieben Minuten schießt Claudio Pizarro das 1:0; ganz so, als sei auch das fest vorgesehen gewesen im minutiösen Ablaufplan: erster Jubel nach sieben Minuten, alles perfekt organisiert. Selbst ein paar Nürnberger Fans schwenken fröhlich ihre Fahnen. Michael Ballack verletzt sich beim Jubel, kann aber weiterspielen. Eine Viertelstunde später köpft er das 2:0.

Das Einzige, was fehlt, ist ein Tor von Roy Makaay, besser zwei oder drei, er kann noch Torschützenkönig werden. Also: 31. Minute, Freistoß Bayern aus 25 Metern, Makaay schießt, Tor. 41. Minute: Elfmeter Bayern, Makaay schießt, Tor. Wenig später macht Sebastian Deisler das 5:0. Es ist noch nicht mal Halbzeit.

Nach dem Wiederanpfiff sieht zunächst alles nach harmonischer Feiervorbereitung aus. Sogar den Nürnbergern gönnen die Münchner ein Tor, Bayerns Martin Demichelis erzielt es. Doch dann droht die Stimmung plötzlich zu kippen, einigen Fans in der Südkurve ist nicht nach wohl organisiertem Feiern zumute. „Repression geht mächtig auf die Eier, FCB“ steht auf einer Banderole geschrieben. Minutenlang ist es merkwürdig still im Stadion, mit solcher Unfreundlichkeit hatte niemand gerechnet. Es herrscht eine Stimmung wie bei einer Hochzeitsgesellschaft, bei der sich der Brautvater plötzlich mit dem Bräutigam geprügelt hat. Es ist zu spüren, dieses Peinlich-berührt-Sein. Erst als Deisler das 6:1 schießt, setzt sich langsam wieder die Heiterkeit durch. Die Nürnberger dürfen sich noch über zwei Tore von Samuel Slowak freuen – 6:3. Dann ist es so weit: Deisler spielt an der Mittellinie zu Lucio. Es ist der letzte Pass im Olympiastadion. Abpfiff.

Eilig bauen Helfer ein Podest auf. Dann werden die Spieler aufgerufen, als letzter kommt der Kapitän, Oliver Kahn. Ligachef Werner Hackmann überreicht ihm die Meisterschale. Kurz danach das Meisterfoto, Zé Roberto fehlt, er hat seine Kinder zurück auf die Tribüne gebracht. Eine halbe Stunde später hat sich das Stadion geleert. In seinem Bauch warten die Spieler in Cabrios auf die Abfahrt zum Marienplatz. Aber sie können nicht losfahren. Es hat Regen eingesetzt. Platzregen, ganz plötzlich.

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