Sport : Mut zum Weltmeister

Deutsche Nachwuchs-Handballer haben es schwer – nur wenige spielen wie Johannes Sellin in Berlin

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Willkommen im Team. Johannes Sellin (l.) feiert nach der Partie gegen Magdeburg mit Torhüter Silvio Heinevetter (r.). Foto: dapd
Willkommen im Team. Johannes Sellin (l.) feiert nach der Partie gegen Magdeburg mit Torhüter Silvio Heinevetter (r.). Foto: dapdFoto: dpa

Berlin - Oftmals bedarf es erst eines nationalen sportlichen Debakels, ehe das Ausmaß der Nachlässigkeiten wahrgenommen wird. Nun hat der Deutsche Handball-Bund (DHB) im Januar mit Platz elf bei der WM ein Fiasko bis dato unbekannten Ausmaßes erlebt. Schnell richtete sich der Blick auf den fehlenden Talente. „Das schwache Abschneiden des A-Teams hat allerdings nur sehr bedingt mit der Nachwuchsförderung zu tun“, sagt Bundestrainer Martin Heuberger, der die U 21 viele Jahre betreut hat. „Die ist im internationalen Maßstab gut.“

Und das ist noch untertrieben: Bei den letzten drei Weltmeisterschaften erreichte die Junioren-Auswahl stets das Finale, zweimal holte sie sogar den Titel – jüngst nach einem 27:18-Erfolg über Dänemark Ende Juli. Trotzdem steht nicht einmal die Hälfte des erweiterten 23-köpfigen Kaders in der Handball-Bundesliga unter Vertrag – und diejenigen, die dieses Privileg genießen, sind in den seltensten Fällen Stammspieler in ihren Vereinen.

Johannes Sellin ist da eine Ausnahme. Der Rechtsaußen von den Berliner Füchsen ist auf dem besten Weg, sich in der Startformation des Champions-League-Teilnehmers festzuspielen. Im Spitzenspiel gegen den HSV Hamburg am Sonntag (17.30 Uhr, Max-Schmeling-Halle) dürfte Sellin zum dritten Mal in Folge von Beginn an auflaufen. Warum aber gelingt dieser Sprung nur so wenigen Talenten in Deutschland?

„Um sich entwickeln zu können, benötigen junge Spieler einfach Spielpraxis“, sagt Bundestrainer Heuberger. In der stärksten Handball-Liga der Welt sei das allerdings nicht garantiert, dafür gebe es schlichtweg zu viele ausländische Akteure. „Ich habe ja nichts gegen die Superstars aus dem Ausland“, betont der 47-Jährige. „Aber zahlreiche Mittelklasse-Ausländer könnte man einfach durch junge deutsche Talente austauschen.“ Es ist das alte Lied, das der ehemalige Bundestrainer Heiner Brand in den vergangenen Jahren immer wieder angestimmt und sich damit bei den Vereinen nicht nur Freunde gemacht hat. Immerhin scheinen die warnenden Worte ihre Wirkung nicht gänzlich verfehlt zu haben. „Man kann schon von einer kleinen Trendwende sprechen“, analysiert Heuberger. „Wir haben einige Talente mit großem Potenzial, die ihre Einsatzzeiten mit guten Leistungen rechtfertigen.“ Wie zum Beispiel Patrick Groetzki von den Rhein-Neckar-Löwen, der mit 21 Jahren bereits in seine fünfte Bundesliga-Saison geht. Oder eben Johannes Sellin.

Zwar profitiert der 20-Jährige im Moment auch von der Verletzung von Stammspieler Markus Richwien. Allerdings ist Sellin auch selbstbewusst genug, um zu sagen: „Ich möchte auch weiterspielen, wenn Markus wieder fit ist. So leid es mir tut, sein Pech ist meine Chance – und die will ich nutzen.“ Bei der U-21-WM und an den beiden ersten Bundesliga-Spieltagen hat der Außenspieler überzeugen können. Zum Auftaktsieg der Füchse in Hannover (31:28) steuerte er sechs Treffer bei und blieb ohne Fehlwurf, in Magdeburg (29:27) agierte er am Dienstag unter den Augen von Bundestrainer Heuberger unauffällig, aber fehlerfrei. Eine Nominierung für das A-Nationalteam sei für ihn zwar noch weit, weit weg, sagt Sellin. Die Anlagen habe der Rechtsaußen, bescheinigt Bundestrainer Heuberger. „Johannes ist stark im Gegenstoß, hat eine gewisse Kaltschnäuzigkeit und ein gutes Wurfrepertoire.“ Verbesserungspotenzial sieht der Coach im athletischen Bereich. „Das ist bei jungen Spielern aber normal.“

Sellin lächelt diese Komplimente unterdessen weg. „Es freut mich natürlich, wenn der Bundestrainer so etwas sagt. Gleichzeitig weiß ich aber, dass es keine Extrapunkte bei ihm gibt, nur weil wir vor ein paar Wochen gemeinsam U-21-Weltmeister geworden sind.“

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