Sport : Mutprobe in Anatolien

Läuferin Ayhan wurde in der Türkei gehasst – jetzt ist sie ein Star

Frank Bachner

Berlin. Erkan Türkel trug an diesem Tag ein blaues T-Shirt. Das war noch kein Problem. Aber auf dem T-Shirt stand „Fenerbahce“, und das nun war ein Riesenproblem. Denn Erkan Türkel sollte dolmetschen. Er ist eigentlich Radioreporter für Radio Multikulti in Berlin, aber er ist auch Türke, und deshalb baten ihn Istaf-Verantwortliche, er solle den Journalisten doch die Statements von Süreyya Ayhan übersetzen. Ayhan war beim größten deutschen Leichtathletik-Meeting mit 3:59,58 Minuten Jahresweltbestzeit über 1500 m gelaufen, es waren viele Journalisten bei ihrer Pressekonferenz. Aber dann drängte Yücel Kop den jungen Radioreporter von der Bühne und aus dem Sichtfeld der Fotografen. Kop ist Ayhans Trainer, und er hatte das Fenerbahce-Logo entdeckt. Aber Fenerbahce, der türkische Fußball-Topklub, hat andere Sponsoren als Süreyya Ayhan. Das hätte Probleme geben können.

So ist das jetzt bei der 24-Jährigen. Vor zwei Jahren noch lief sie über staubige Landstraßen in Maras, einer Stadt in Süd-Anatolien, wenn sie trainierte, nun ist sie die populärste Sportlerin der Türkei. Ach, es gibt Gewichtheberinnen, die populärer seien als sie, sagt Ayhan. „Aber das sagt sie nur, weil sie bescheiden ist. Sie ist klar die Nummer eins“, erzählt ein türkischer Journalist. Seit ihrem Sieg über 1500 m bei der EM 2002 ist das so. Da gewann Ayhan das erste EM-Gold für die Türkei überhaupt. Und bei der WM in Paris ist sie die Topfavoritin.

Nach ihrem EM-Sieg nahm der türkische Elektronik-Konzern Vestel sie unter Vertrag und überweist ihr fürstliche Summen. Die Europameisterin ist seither auch ein Werbestar. Sie lebt jetzt in Istanbul, ihr Sportstudium in Maras hat sie abgeschlossen. Leichtathletik galt in der Türkei bis zu ihrem EM-Sieg als Nobel-Sportart. „Ich habe sie in jeden Winkel des Landes gebracht“, sagt sie.

Es ging sehr schnell mit dem Aufstieg der Süreyya Ayhan. Vor zwei Jahren noch wurde sie von diversen Zeitungen heftig beschimpft. Denn die Läuferin hatte ein Verhältnis mit ihrem Trainer Kop. Der Coach ist fast 30 Jahre älter als sie, vor allem aber war er damals noch verheiratet, und das war zu viel. Die Zeitungen schrieben von Moral und Vorbildcharakter und Schande. Damals war die 1500-m-Läuferin noch kein lebendes Denkmal, damals war sie nur eine Frau aus Anatolien, die Ehre und Ansehen schädigte. Ayhans konservativen Eltern waren die Berichte furchtbar peinlich. Aber ihre Tochter hielt zu ihrem Freund, damals war das sehr mutig. Kop ließ sich später scheiden, aber da spielte das dann schon keine Rolle mehr. Die 1500-m-Läuferin war nun ein Star. Und die gleichen Zeitungen, die sie verdammt hatten, huldigten ihr nun.

Eigentlich ist Ayhan eine ideale Botschafterin des modernen Frauenbilds. Ausgerechnet eine Frau aus dem konservativen Anatolien ignoriert einen überholten Moralkodex. Aber sie drängt sich mit dieser Rolle nicht in den Vordergrund, sie ist eher schüchtern. Doch sie ist populär, sie muss gar nicht die Missionarin spielen, ihre Treue zu Kop genügt als Botschaft. Und Ayhan ist flexibel genug, auf Zwischentöne zu reagieren. Vor Monaten trug sie bei einem Meeting auf ihrem Trikot nur das Vestel-Logo. Der türkische Halbmond fehlte. Da deuteten die Zeitungen an, sie sei wohl abgehoben. Vor dem Istaf bestellte Ayhan deshalb bei einem türkischen TV-Reporter eine Türkei-Flagge. Mit der lief sie ihre Ehrenrunde. Vielleicht befolgte sie damit ja auch nur die Anweisungen ihres geschäftstüchtigen Trainers, letztlich ist das egal. Mit der Flagge läuft sie sich auf jeden Fall in die Herzen der Fans. Der neue türkische Dolmetscher beim Istaf trug im Übrigen ein blaues Polohemd. Ohne Aufdruck.

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