Sport : Mythos Sechstagerennen: Als die Müllkutscher noch Potti kannten

Hartmut Moheit

"Ich wünsche mir diesmal eine Palastrevolution, dass mal etwas völlig Unerwartetes passiert." Rainer Podlesch macht nicht den Eindruck, als meine er den Spruch scherzhaft. Kurz zuvor noch hat der zweimalige Steher-Weltmeister und Olympiazweite im Bahnvierer von 1968 mit etwas Wehmut seine vielen Alben durchgeblättert, die er in einer Sporttasche zum Interviewtermin mitgeschleppt hat. Die darin dokumentierte Geschichte des Berliner Sechstagerennens hat den 56-Jährigen ein wenig ins Grübeln kommen lassen. "Härtere Jagden würde ich mir wünschen, auch, dass es mal doppelte Rundengewinne gibt", fordert der Berliner vom Verein Zehlendorfer Eichhörnchen. "Oder, dass die langweilige Fahrervorstellung verkürzt wird. Früher hätte sich das Publikum diese Geschichte drei Minuten angesehen, dann wäre der Sportpalast renovierungsbedürftig gewesen."

Rainer Podlesch, eigentlich kein Nostalgiger ("Die Leute stehen immer Kopf, wenn die Leistung stimmt"), meint schon, dass früher einiges besser war. Der Radsport war insgesamt populärer, und wer es dann noch bei Sechstagerennen geschafft hatte, der Publikumsliebling zu sein, dem flogen das ganze Jahr über die Sympathien zu. "Selbst der Müllkutscher auf der Straße sprach mich mit Potti an." Und plötzlich schwärmt der Vater des heutigen Steher-Stars Carsten Podlesch doch mehr von den alten Zeiten. "Wenn ich nur an Klaus Bugdahl, Siggi Renz oder Rudi Altig denke", meinte er, "die Stars bei den Profis hätten auch heute absolut mithalten können. Früher war ein Sechstagerennen bis zu 3000 Kilometer lang und eine Jagd konnte schon mal bis zu drei Stunden dauern", erzählt Podlesch. Da konnte es schon mal vorkommen, das ein Top-Team wie Eddy Merchx/Patrick Sercu "28 Runden auf den Arsch bekamen" (Podlesch), und ein Debütant kaum in der Lage war, die Strapazen der sechs Tage durchzustehen. Dahinter spielten sich Dramen ab - wurde letztlich der Mythos der Sechstagerennen begründet.

Noch ein Problem beschäftigt Rainer Podlesch, dass es keine Standardteams mehr gibt: "Heute Partner und morgen erbitterte Gegner, das finde ich nicht glaubwürdig. Die Leute wollen siegende Teams sehen, zwei Fahrer, die wie ein gutes Ehepaar füreinander kämpfen." Dennoch möchte sich der heute als Erzieher tätige Rad-Narr, der als Aktiver sogar einmal die Friedensfahrt - mit der Zielankunft direkt hinter der Mauer in Ostberlin - gefahren ist, mit dem aktuellen Sechstage-Geschehen versöhnen. "Was sich im Velodrom abspielt, das ist ein wenig wie früher", gibt er zu. Aber eben nur ein wenig, weil das Sportliche dort wieder mehr im Vordergrund steht.

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