Sport : Nach 16 Jahren bekommt Sebastian Coe Gesellschaft

ROBERT HARTMANN

Wilson Kipketer stellt mit 1:41,73 Minuten den 800-m-Weltrekord des Briten ein / Moses Kiptanui verpaßt seine Hindernismarke knappVON ROBERT HARTMANN STOCKHOLM.Nach 16 Jahren erhielt der 800-m-Weltrekord des Engländers Sebastian Coe in Stockholm endlich wieder Gesellschaft.Er ist der älteste in der Leichtathletik, und in der Zwischenzeit hat der Konservative den ersten Teil seiner politischen Karriere schon hinter sich, als er vor ein paar Wochen wieder aus dem Unterhaus rausflog.Nichts schien für die Ewigkeit, es sei denn, es war diese Zeit von 1:41,73 Minuten.Am hellen schwülwarmen Montag abend im denkmalgeschützten Backsteinbau des Olympiastadions von 1912 läutete nun der in Kopenhagen lebende und schon für Dänemark startende Kenianer Wilson Kipketer eine neue Ära ein. Der 26jährige, der am 1.Dezember seine Einbürgerungsurkunde erhält, muß nur noch auf den richtigen Augenblick warten, dann stößt er in den 1:40-Minuten-Bereich vor, darüber ist man sich einig.Aber als er durchs Ziel lief, war er erst einmal tief enttäuscht.Er war perplex, sprachlos."1:41,74" stand auf der großen Stoppuhr.Am 1.September 1996 war der Weltmeister in Rieti um nur eine Zehntelsekunde gescheitert, und erst fünf Tage vorher hatte er im Dauerregen von Lausanne die pfützenübersäte Innenbahn in nur 1:42,61 Minuten zweimal umkurvt.Das nervt allmählich. Später, nachdem die Zeit nach unten korrigiert war, was übrigens öfter vorkam, hatte er seine Gefühlshaushalt indessen wieder wohlgeordnet.Trotzdem ließ er mit seinem ersten Satz tief in seine Seele blicken, die er sonst sorgfältig zu verschießen weiß."Ich bin nicht enttäuscht," sagte er, "ich habe immerhin meine persönliche Bestleistung gebrochen".Und er fuhr fort: "Ich bin nicht überglücklich, aber sehr mit mir zufrieden." Ein englisches Sprichwort beschreibt eine solche Situation recht treffend mit "He kissed his sister" - ganz nett, aber ... Vier Weltrekordversuche wurden unternommen, einer glückte.Über 800 m, 1500 m (Hicham El Guerrouj, Marokko, 3:29,30 Minuten) und 5000 m (Tom Nyariki, Kenia, 12:55,94) waren schon die "Hasen" zu nervös, sie konnten sich auf den ersten Metern nicht zügeln.So verpuffte früh die Energie in heftigen Schüben, statt sie vorsichtig und sehr allmählich zu verströmen.Aber die zwei kenianischen Stars Moses Kiptanui und Daniel Komen (5000-m-Vierter, 13:01,52) schleppten auch immer noch ihre hartnäêkigen Erkältungen mit sich herum. Kiptanui gewann über 3000 m Hindernis trotzdem nach glänzenden 8:01,80 Minuten, nur 2,62 Sekunden vom eigenen Weltrekord entfernt, und hinter ihm schoben sich seine Landsleute Kipketer Boit (8:02,77) und Bernard Barmasai (8:03,51) auf die Plätze zwei und drei der "ewigen" Weltrangliste vor.Wobei der Letztere sich nicht für die WM qualifizierte.Bis hinunter auf Platz 14 sind diese Ostafrikaner jetzt schon unter sich, das ist eine noch nie erlebte Dominanz eines Landes.Wer in seiner Kindheit barfuß aufwächst, zwölf Monate im Jahr auf warmer, federnder Erde läuft, und wer auch sonst noch in aller Bescheidenheit viele Vorteile in der fruchtbaren Höhenlage rund 2000 m über Meereshöhe erhält, gewinnt hier die entscheidenden Vorteile fürs ganze spätere sportliche Berufsleben, sofern es hürdenreich ist. Von der kenianischen WM-Mannschaft traten 13 an und acht stellten persönliche Bestzeiten auf.Sie sind nach der olympischen Enttäuschung in Atlanta besser denn je.Die meisten kehren in ihre Trainingslager zurück, ihr Verband hat ihnen nur zwei Wettkämpfe im Juli erlaubt, damit sie frisch und hochmotiviert zur WM nach Athen anreisen.Daß sie dort ihren Trainingskameraden vom Januar, Dieter Baumann, wieder antreffen, ließ der letztjährige 5000-m-Olympiavierte nach seinem achten Platz in 13:10,93 Minuten immer noch offen.Die Rätselsprache, die Baumann schon am vorigen Freitag in Oslo nach seinem Deutschen 3000-m-Rekord (7:31,81 Minuten) bezüglich der WM benutzte, blieb im alten Muster.Doch die Gefühle könnten sich geändert haben."Jetzt muß ich erst mal mit Isabelle," der Ehefrau und Trainerin, "beratschlagen, was gut und richtig ist, und auch gut für die kommenden Jahre".Worte wie "haushalten" und "ich bin gerade in einer Versuchsreihe" fielen.Bestimmt brauchte er kein Alibi für die schweren Beine.Das lieferte ihm der Kenianer Paul Koech."Nach vier Runden konntest du wirklich die Schwüle spüren," sagte er. Während den Läufen benutzte der Stadionansager allerdings noch die Namen der Speerwerfer Boris Henry (Sieg in persönlicher Bestleistung: 89,38 m) und Jan Zelezni (88,30 m) als die "running gags" der Veranstaltung.Der 24 Jahre alte Herausforderer von Saar 05 Saarbrücken besiegte den 31 Jahre alten Platzhirsch, den Olympiasieger, Welt- und Europameister, den Weltrekordler. Es fielen sieben Jahresweltbestleistungen, und dann notierten die Organisatoren noch sehr sorgfältig acht Stadionrekorde.Denn sie müssen jetzt die Juwelierläden von Stockholm plündern, weil sie für jeden einen Diamanten im Wert von 80 000 Kronen oder rund 18 500 Mark versprachen.

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