Nach Bein-Amputation : Ilke Wyludda: "Hauptsache, ich lebe"

14 Operationen haben Diskus-Olympiasiegerin Ilke Wyludda nicht aufhalten können. Keime in einer offenen Wunde aber konnte sie mit extremem Willen nicht mehr besiegen – ein Bein wurde amputiert. Jetzt empfindet sie schon ihren Alltag als größtes Geschenk.

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Die Powerfrau. Ilke Wyludda lebte beim Diskuswerfen vor allem von ihrer gewaltigen Kraft. 1996 holte sie den Olympiasieg. Foto: dpa
Die Powerfrau. Ilke Wyludda lebte beim Diskuswerfen vor allem von ihrer gewaltigen Kraft. 1996 holte sie den Olympiasieg. Foto:...

In der Cafeteria des Krankenhauses „Bergmannstrost“ sitzt man vor einer Wand aus bunten, leicht geneigten Metallstangen, rote, gelbe, blaue, grüne, alle fast zwei Meter hoch. Sie erinnern an Schilfrohre. Aber diese Rohre sind in kleinen Betonsockeln zementiert, sie trennen die Bistrotische von einem langen Flur, auf dem Patienten mit Krücken humpeln oder Besucher zum Ausgang schlendern.

Ilke Wyludda passiert gemächlich diese Stangen bis zu einem der Tische. Sie geht mit auffälligen Bewegungen; die sind nicht wirklich eckig, aber unrund, als würde sie die rechte Hüfte nachschieben. Sie trägt Jeans und einen hellblauen Pullover, sie hat seit ein paar Minuten Feierabend. Die weißen Sachen, mit denen die Anästhesistin Wyludda im OP gearbeitet hat, liegen gefaltet in einer Tüte.

Ein Tag im Dezember, ihr dritter Arbeitstag in diesem wuchtigen Krankenhaus in Halle an der Saale. Gleich am ersten Tag hatte man sie zu einer Operation eingeteilt, gut möglich, dass sie den OP-Saal nicht zum ersten Mal gesehen hat. „Hier gibt es zehn OP-Säle“, sagt sie. „Ich lag schon in einigen.“ Das Haus „Bergmannstrost“ ist nicht bloß ihr Arbeitsplatz, es ist Teil ihres Lebens. Hier hatte man der Diskuswerferin Wyludda die zweimal gerissene Achillessehne geflickt, hier hatte man ihre Knieprobleme behandelt, hier hatte sie viele ihrer insgesamt 15 Operationen über sich ergehen lassen. Aber hier hatte sie auch schon im Studium gearbeitet, hier schreibt die 41-Jährige ihre Doktorarbeit über Schmerztherapie. Und hier hatte sich auch der einschneidendste Schritt ihres Lebens vollzogen.

Die Amputation ihres rechten Beins oberhalb des Knies.

Gehandicapt. Ilke Wyludda im Krankenhaus, nachdem ihr das rechte Bein amputiert wurde. Foto: Andreas Löffler
Gehandicapt. Ilke Wyludda im Krankenhaus, nachdem ihr das rechte Bein amputiert wurde. Foto: Andreas LöfflerFoto: Löffler

Die Olympiasiegerin von 1996, die zweimalige Europameisterin, die Frau, die für die DDR hochgedopt mit 74,40 Metern einen erschreckend weiten Junioren-Weltrekord aufgestellt hatte, die war im Dezember 2010 zur Behindertensportlerin geworden. Eine Wunde im Unterschenkel sollte verschlossen werden, doch in der Wunde siedelten sich Keime an, es drohte eine Blutvergiftung.

Ilke Wyludda trägt jetzt eine Prothese. Sie kann im Notfall nicht zu einem Patienten rennen, sie kann nicht knieen, um einen Patienten zu reanimieren. Sie sitzt im OP zeitweise auf einem Stuhl. Sie kann nicht, was andere Ärzte im Krankenhaus können, aber sie betrachtet es wie das Wetter. Sie kann’s nicht ändern.

Jetzt ist sie halt behindert, Ilke Wyludda kann sehr nüchtern darüber reden. Sie liefert Sätze ohne Gefühlsbetonung, mit der gleichen Emotionalität würde sie auch erklären, dass auf Montag Dienstag folgt. „Was bringt es mir, wenn ich mich mit alten Geschichten beschäftige?“, sagt sie dann. „Ich muss nach vorne schauen, nicht nach hinten.“ Und: „Ich habe gelernt zu sagen: Mach das Beste draus! Die Leute, die sich hinstellen und jammern, die lernen nicht wieder zu laufen.“ Es sind Sätze, die sich viele Menschen permanent einreden müssen; sie klammern sich an sie wie an einen Rettungsring, um nicht in Selbstmitleid zu zergehen.

Aber Ilke Wyludda hat 20 Jahre Leistungssport betrieben, sie muss sich nichts einreden, der Tunnelblick ist Teil ihres Lebens. „Der Sport hat mich geschult“, sagt sie, die Stimme hart, der Blick konzentriert, „er hat mich zu dem gemacht, was ich bin.“ Nur wer hart ist, hart gegen sich, im Kampf mit den Umständen, im Kampf mit Gegnerinnen, kommt weiter. Das hat sie verinnerlicht. 1988 schleuderte sie den Diskus mehr als 75 Meter weit, doch ins DDR-Olympiateam kam sie nicht. Aber acht Jahre später wurde sie Olympiasiegerin.

Es ist eine Fähigkeit, so zu denken. Es hilft enorm, die neue Situation zu bewältigen. Patienten spüren diese Fähigkeit. „Ich denke schon, dass ich durch meine Geschichte eine glaubwürdigere Ansprache habe“, sagt die Ärztin Wyludda. Und mit ihrer Art, über diesen Tunnelblick zu reden, spricht sie wie eine typische Ex-Hochleistungssportlerin.

Bis zu dem Moment, in dem ihre Augen, ihr weicher Blick nicht mehr zu ihrer harten Stimme passen. Mit wenigen Sätzen hebt sie die Amputation auf eine andere Ebene, weg von dieser These, dass man so eine Änderung als leicht modifizierte Form des Alltags betrachten soll. Ilke Wyludda sagt: „Hauptsache, ich lebe noch. Das ist der Maßstab. Einfach, ich lebe noch. Dafür habe ich alles gemacht, dafür habe ich das Bein geopfert.“

Ein paar Sekunden bekommt das Gespräch abrupt etwas Erhabenes, dafür kommt dieser Maßstab zu unerwartet. Aber Wyludda gibt auch einen Blick frei hinter das Bild der nüchternen Frau mit dem Tunnelblick. Nun merkt man, wie sehr sie ihren Alltag als Geschenk betrachtet und Dinge als Kleinkram abhakt, die andere auf die Palme bringen.

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