Nach dem 0:2 auf Schalke : Hertha verliert sich

Beim Berliner Bundesligisten schwindet nach vier Niederlagen hintereinander die Gelassenheit. Trainer Luhukay wirkt zunehmend genervt, die Mannschaft ratlos.

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Zunehmend unglücklich: Die zuletzt vier Niederlagen der Hertha verliefen nach ähnlichem Muster. Foto: imago
Zunehmend unglücklich: Die zuletzt vier Niederlagen der Hertha verliefen nach ähnlichem Muster.Foto: imago

Alexander Baumjohann hatte unverschämt gute Laune. Mit einem Lachen auf dem Gesicht wandelte er durch das Untergeschoss der Schalker Arena. Sein persönliches Empfinden war ihm für den Moment wichtiger als das seiner Mannschaft. Ob man ihm gratulieren dürfe, wurde Baumjohann gefragt. "Ja, klar", antwortete er. 0:2 hatte sein Arbeitgeber Hertha BSC bei Schalke 04 verloren. Doch während für den Berliner Bundesligisten die Leidenszeit mit nunmehr sechs Spielen ohne Sieg fortgeschrieben wurde, hat sie für Baumjohann ein Ende gefunden. Sieben Monate nach seinem Kreuzbandriss kehrte er auf den Fußballplatz zurück. "Schön, dass es gerade hier auf Schalke war, wo ich zehn Jahre gespielt habe", sagte der Mittelfeldspieler.

"Nicht so leicht zu verdauen"

Baumjohann dürfte der einzige Berliner gewesen sein, dem der Abend im Ruhrgebiet nicht aufs Gemüt geschlagen hatte. Gegen Schalke kassierte Hertha die vierte Niederlage hintereinander. Die Bilanz der jüngsten sechs Spiele ohne Sieg: zwei Punkte, 2:12 Tore. Das nagt an den Berlinern. Die Gelassenheit des Aufsteigers, der in der Hinrunde weit über seinen Möglichkeiten gespielt und gepunktet hat, schwindet zusehends. Diese Niederlage, so Herthas Innenverteidiger Sebastian Langkamp, "ist nicht so leicht zu verdauen".

Das Schlimme für die Berliner ist, dass sich die meisten der jüngsten Niederlagen auf ihre Art ähneln. Vorne vergibt die Mannschaft beste Chancen, hinten macht sie es ihren Gegnern mit unglaublichen Fehlern viel zu einfach. In Gelsenkirchen hatte Adrian Ramos beim Stand von 0:0 die Gelegenheit, das Spiel auf eine andere Umlaufbahn zu schicken. Herthas bester Stürmer konnte zwischen drei Möglichkeiten wählen, als er nach einem Fehlpass der Schalker frei und unbedrängt aufs gegnerische Tor zulief: Er hätte sich eine Ecke aussuchen können, er hätte den Ball auf den mitlaufenden Sandro Wagner passen können – stattdessen entschied er sich gegen Schalkes Torwart-Hünen Ralf Fährmann für einen Lupfer. Der Ball flog über die Latte. Drei Minuten später erzielte Chinedu Obasi das 1:0 für Schalke.

Im Moment läuft alles gegen Hertha. Nicht mal 30 Sekunden nach Beginn der zweiten Halbzeit entschied Klaas-Jan Huntelaar mit dem 2:0 das Spiel zugunsten der Schalker. Der vermeintliche Anschlusstreffer von Sebastian Langkamp wurde zehn Minuten vor dem Ende aus unerfindlichen Gründen nicht gegeben. Solche Szenarien sind typisch für Mannschaften, die tief im Abstiegskampf stecken. Aber Hertha steckt nicht im Abstiegskampf, die Berliner belegen immer noch einen sicheren Mittelfeldplatz. "Ich will uns nicht in die Krise reden", sagte Änis Ben-Hatira. "Wir spielen eine gute Saison."

Luhukays Sprachlosigkeit fällt auf

Diese Überzeugung lässt jedoch langsam spürbar nach. "Wenn man bei einigen in die Gesichter schaut, sieht man auch ein bisschen Ratlosigkeit", berichtete Langkamp. Für sich selbst sagte er: "Ich bin nicht ratlos. Ich bin frustriert." Diesen Eindruck hinterlässt mehr und mehr auch Jos Luhukay. Herthas Trainer reagiert selbst auf simple Fragen zunehmend genervter. Als er vor dem Schalke-Spiel zum Gesundheitszustand Alexander Baumjohanns vernommen wurde, sagte der Holländer, der Mittelfeldspieler sei im Moment nicht im Kader, außerdem habe er schon zwei Tage zuvor "einen langen Monolog über Baumjohann gehalten, den muss ich jetzt nicht wiederholen". Mit anderen Worten: An seiner Situation hat sich nichts geändert. Tags drauf nominierte er Baumjohann dann für das Spiel in Gelsenkirchen.

Luhukays Sprachlosigkeit fällt umso mehr auf, als er bisher den großen Kommunikator gegeben hat. Die Situation ist neu für ihn, die Leistungen seiner Mannschaft scheinen ihn zumindest zu irritieren. Unter der Woche hat er gesagt: "Alle Spieler müssen froh sein, im 18er-Kader zu stehen." Solche Sätze kommen bei den Betroffenen vermutlich härter an (Für die Bundesliga reicht es eigentlich nicht), als sie gemeint sind – und irgendwie passen sie nicht zum öffentlichen Bild, das Luhukay bisher von sich erschaffen hat.

Am Freitagabend verfolgte der Trainer das Spiel seiner Mannschaft weitgehend sitzend von der Bank, äußerlich ruhig. Auf die Frage, wie es innerlich in ihm ausgesehen habe, antwortete er nur: "Dass Sie auf mich achten und nicht auf das Spiel, das sagt schon einiges." Die Nervosität nimmt zu. Sebastian Langkamp sehnt ein Erfolgserlebnis herbei, um das Selbstbewusstsein wieder zu stärken. "Gegen Hoffenheim haben wir ein wegweisendes Spiel, wo wir unbedingt die Kurve kriegen müssen", sagt er. Mit einem Sieg und dann 39 Punkten wäre der Klassenerhalt endgültig sicher. Zuvor, an diesem Montag, wird Hertha BSC die Lizenzunterlagen für die Zweite Liga einreichen.

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