Sport : Nach dem Schock ist vor dem Spiel

Niederlage in letzter Sekunde: Wie Albas Basketballer nun das vierte Finale heute in Köln angehen

Ingo Schmidt-Tychsen

Berlin - Die Basketballmannschaft von Alba Berlin hat ein Ritual. Nach jedem Spiel treffen sich die Profis in Höhe der Mittellinie des Feldes, sie legen die Hände übereinander, es folgt ein Schlachtruf. Am Sonntagabend stehen Hollis Price und Quadre Lollis lange allein an der Mittellinie der Max-Schmeling-Halle. Sie rufen und winken ihre Kollegen heran, im Jubelgeschrei der feiernden Kölner sind sie kaum zu hören. Schließlich findet sich am Ende doch noch ein Großteil der Profis ein. Wir stecken nicht auf, das soll ihre Botschaft sein. Trotz dieser bitteren 80:82-Niederlage gegen Köln und dem bevorstehenden Auswärtsspiel am Dienstag (20 Uhr, live auf Premiere). Trotz dem 1:2 in der „Best of five“-Serie. Ein Spieler aber fehlt bei der Versammlung: Mike Penberthy. Der US-Amerikaner hatte acht Sekunden vor dem Ende zwei Freiwürfe vergeben. Köln spielte den Ball nach vorn und Immanuel McElroy warf ihn mit der Schlusssirene in die Reuse.

„Das tut weh“, sagt Albas Trainer Henrik Rödl. Bis wenige Minuten vor dem Ende hatte seine Mannschaft hoch überlegen gewirkt, sie führte vor dem letzten Spielabschnitt 63:50. Mike Penberthy klatschte in der kurzen Pause gemeinsam mit den mehr als 10 000 Zuschauern in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle im Rhythmus. Mitte des letzten Viertels führte Alba noch 71:55. Dann der Bruch.

Der bis dahin überragende Demond Greene leistet sich zwei Ballverluste, Hollis Price dribbelt sich auf den Fuß. Köln nutzt jede Schwäche der Berliner, alle Würfe finden plötzlich ihr Ziel. 13 Sekunden vor der Schlusssirene trifft Price zum 80:77, Köln nimmt eine Auszeit und Penberthy klatscht wieder im Rhythmus der Zuschauer mit. Wieder ist es zu früh. „Man muss uns schon richtig totschießen. Wenn wir noch zappeln, dann stehen wir wieder auf“, sagt Kölns Sportdirektor Stephan Baeck. Das Pathos klingt nicht übertrieben. Bereits im Halbfinale hatten die Kölner Bamberg nach einem Rückstand in letzter Sekunde besiegt.

Wenn Köln heute Deutscher Meister wird, würde man später wohl sagen, dass die Finalserie am Sonntag entschieden wurde. Die Frage ist, wie schnell sich Albas Spieler von dem Schock erholen können. „Wir gucken nicht zurück“, sagt Quadre Lollis. „Wir fahren nach Köln und gewinnen, genau wie beim letzten Mal.“ Vor einer Woche befanden sich die Berliner in einer ähnlichen Situation: Nachdem sie das erste Finalspiel zu Hause verloren hatten, siegten sie in Köln. Die erste Heimniederlage war allerdings nicht so überfallartig zustande gekommen, wie die am Sonntagabend. „Wir brauchen jetzt keine Analyse, wir müssen den Mund abputzen und weiterspielen“, sagt Albas Vizepräsident Marco Baldi. Bis zum Sprungball in Köln müsse seine Mannschaft versuchen, wieder locker zu werden, „wir brauchen ein Lächeln im Training. Der Druck ist enorm.“

Sollte Alba die Finalserie gegen Köln verlieren, bleibt den Berlinern trotzdem noch eine Chance, in der nächsten Saison in der Europaliga zu spielen. „Es gibt eine kleine Hintertür für Alba“, bestätigt Jan Pommer, Geschäftsführer der Basketball-Bundesliga, auf Nachfrage. Die Europaliga fordert von ihren Teilnehmern eine Halle für mindestens 5000 Zuschauer, die Kölner haben Schwierigkeiten, eine solche Halle zu bekommen.

Als Albas Spieler am späten Sonntagabend die Treppe an der Max-Schmeling-Halle herablaufen, tauchen vor ihnen mehrere hundert feiernde Köln-Fans auf. Die Profis reagieren unterschiedlich. Nenad Canak bahnt sich den Weg durch die Massen mit gesenktem Blick. Auch eineinhalb Stunden nach Spielende ist er kaum ansprechbar. Quadre Lollis bleibt vor dem Absperrgitter stehen, er dreht sich um und brüllt seinem Mannschaftskollegen Hollis Price etwas zu: „Hey, Hollis, die glauben wohl, dass sie heute schon Meister geworden sind.“

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