Nach dem Sieg gegen Köln : Das alte Union-Gefühl

Die Berliner erzwingen den ersten Saisonsieg gegen den 1. FC Köln. „Die Motivation, die Mentalität, der Teamgeist sind so extrem ausgeprägt, wie ich es noch nie erlebt habe“, sagt Trainer Neuhaus und hadert doch.

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Das Union-Gefühl: Noch lange nach dem Abpfiff feierte die Mannschaft mit den Fans den Sieg gegen Köln.
Das Union-Gefühl: Noch lange nach dem Abpfiff feierte die Mannschaft mit den Fans den Sieg gegen Köln.Foto: dapd

Die Ehrfurcht war den Kölner Spielern deutlich anzumerken. Im Gänsemarsch näherten sie sich ihrem Ziel, jeder schien darauf zu warten, dass der andere vorangeht, mit dem Ergebnis, dass sich so gut wie gar nichts bewegte. Nach endlos langer Zeit blieben die Spieler dann in gebührendem Abstand vor der Stadionecke mit dem eigenen Anhang stehen. Was würde sie dort nach der 1:2-Niederlage beim 1. FC Union Berlin erwarten: Gleichmut, Wut, eine schwarze Nebelwand? Die Sorge erwies sich als unbegründet. „Come on, FC!“, riefen die Fans aus dem Rheinland. Der 1. Fußballclub Köln, einst Stolz der ganzen Stadt, gerade abgestiegen aus der Fußball-Bundesliga, ist schon wieder ziemlich am Ende: Vorletzter in der Zweiten Liga, weiterhin ohne Sieg und ohne Tor aus dem Spiel heraus. Die Kölner Fans haben ihrer Mannschaft schon aus geringeren Anlässen die Gefolgschaft verweigert, am Freitagabend aber fiel ihre Reaktion gnädig aus: Die Lage ist ernst, da muss man erst recht zusammenstehen.

Die Anhänger des FC folgten an diesem Abend einem guten Beispiel: dem des 1. FC Union. Einmalig fand dessen defensiver Mittelfeldspieler Markus Karl die Unterstützung durch die eigenen Fans, die in den vergangenen Wochen wahrlich im Übermaß gelitten hatten. „Wir haben alle zusammen gekämpft, mit den Zuschauern“, sagte Karl, nachdem die Köpenicker ihren ersten Saisonsieg regelrecht erzwungen hatten und durch den Erfolg in der Tabelle an den Kölnern vorbeigezogen waren. Das Spiel zwischen Union und dem FC war ein Duell der Enttäuschten, in dem sich die Berliner mit mehr Verve gegen den Misserfolg wehrten. „Wir hatten den größeren Willen“, sagte Unions Kapitän Torsten Mattuschka, der zehn Minuten nach der Pause den Treffer zum 2:1-Endstand erzielt hatte.

In der Alten Försterei war an diesem Abend das alte Union-Gefühl zurück: Wenn man will, wenn man zusammensteht, kann man auch den größten Widerständen trotzen. Und an Widerständen bestand kein Mangel. Schon nach zwei Minuten gerieten die Köpenicker durch einen Elfmeter in Rückstand. „Das ist brutal“, sagte Mattuschka. „Aber wir haben als Mannschaft eine Riesenreaktion gezeigt.“

Der Trotz, mit dem sich Union in das Spiel zurückarbeitete, ging einher mit einer gewissen Nonchalance auf Kölner Seite. Eine knappe Viertelstunde hatte der Absteiger aus der Bundesliga das Geschehen unter Kontrolle, „aber nach zehn, zwölf Minuten haben wir aufgehört“, klagte Trainer Holger Stanislawski. „Wir haben absolut viele Dinge falsch gemacht.“ Sollte der MSV Duisburg heute gegen Bochum gewinnen, würden die Kölner sogar auf den letzten Tabellenplatz zurückfallen. Ob man jetzt erst einmal gegen den Abstieg spiele, wurde Kölns Torschütze Thomas Bröker nach der Niederlage gefragt. „Dazu möchte ich noch nichts sagen“, antwortete er.

Was die Köpenicker gezeigt hatten, war bereits praktizierter Abstiegskampf. „Die Motivation, die Mentalität, der Teamgeist sind so extrem ausgeprägt, wie ich es noch nie erlebt habe“, sagte Uwe Neuhaus. „Ich bin schon stolz auf meine Mannschaft.“ Und doch blieb bei Unions Trainer allem Eifer seiner Spieler zum Trotz ein zwiespältiges Gefühl zurück: „Wenn du das jede Woche machst, hättest du nach fünf Spieltagen nicht nur einen Punkt.“

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