Sport : Nach dem Terror: Kommentar: Der Sport hat zu schweigen

Das Leben geht weiter? Ja, natürlich geht das Leben weiter, und es wird auch auf diesen Seiten wieder von Fußball, Eishockey und Basketball, von Ergebnissen und Geschichten hinter den Ergebnissen berichtet werden. Aber heute, in diesen Tagen? Das geht nicht. Weil es nach dem 11. September 2001, nach dem Terror-Anschlag auf die USA so belanglos ist, ob eine Mannschaft A eine Mannschaft B besiegt. Der Sport hat zu schweigen, weil er nichts zu sagen hat.

Er hat auch keine Zeichen zu setzen, wie es sich ein gedankenloser deutscher Handball-Funktionär gewünscht hat. Ein Handballspiel hat keine Symbolkraft, es demonstriert weder die Unzerstörbarkeit der Freiheit, noch signalisiert es den Widerstand gegen die Gewalt. Sportverbände, die nun, wie der europäische Fußballverband Uefa, ihre Wettbewerbe aussetzen, tun gut daran. Veranstalter wie die Betreiber des Lausitzrings, die auf Durchführung des Wettkampfes pochen, handeln mindestens ignorant. Der Sport, auch wenn er nichts zu sagen hat in diesen Tagen, steht nicht außerhalb der Gesellschaft, und er kann nicht so tun, als gingen ihn die Zeitläufte nichts an. Das ist nicht nur eine Frage der Pietät. Es ist absurd, heute einem Ball hinterherzujagen, nichts erscheint im Moment ferner, als sich ein Fußballspiel anzuschauen. Der Spaß ist vergangen, und es ist schwer vorstellbar, dass dem Entsetzen am Wochenende, wenn die Bundesliga laut Beschluss angepfiffen wird, mit einer Gedenkminute Genüge getan werden könnte.

Das Leben wird weitergehen, the show must go on. Das hatte Avery Brundage, der damalige IOC-Präsident 1972, gesagt. Damals hatte während der Spiele von München eine Gruppe Palästinenser israelische Sportler überfallen. Elf Athleten, ein Polizist und fünf Attentäter starben bei dem Attentat. Die Spiele gingen trotzdem weiter, weil Olympia den Attentätern die Stirn bot, sie ihnen bieten musste. Olympia nämlich hat Zeichen zu setzen, Olympia nämlich hat Symbolkraft, und wenigstens demonstriert es den Willen zum friedlichem Miteinander. Viel ist den Spielen geraubt worden, die olympischen Ideale sind zerstört worden oder wurden verschüttet durch die Politik (wie 1980 in Moskau und 1984 in Los Angeles), durch die Macht und Gier von Konzernen (wie 1996 in Atlanta), durch korrupte Funktionäre und betrügerische Sportler. Das Fünkchen Völkerverständigung wenigstens für die Zeit der Spiele aber glimmt noch. Sonst hätten im vergangenen Jahr in Sydney nicht die verfeindeten Staaten Nord- und Südkorea als ein Team auftreten können, sonst hätte der Olympiasieg der Aborigine Cathy Freeman in Australien nicht seine Strahlkraft erlangt.

Olympia lebt noch. Im kommenden Jahr finden wieder Spiele statt, ausgerechnet in Salt Lake City in Amerika. Die Diskussion, ob in den sicherheitsgefährdeten USA die Spiele der Welt stattfinden dürfen, wird kommen. Und es ist nur zu verständlich, wenn Sportler sie aus Angst ums eigene Leben und Politiker sie aus Fürsorge führen. Trotzdem müssen die Spiele in Salt Lake City stattfinden - auch wenn der Preis hoch sein wird mit all den zu erwartenden Sicherheitsmaßnahmen. Eine Absage oder Verlegung würde dem New Yorker Attentat einen Sinn geben. Das wäre - anders als die jetzigen Absagen aus Besinnung - dann wirklich eine Kapitulation.

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