Sport : „Nach dem Viertelfinale ist alles drin“

Handball-Bundestrainer Heiner Brand über die WM-Chancen seines Teams, das Verletzungspech der Spieler und seine eigene Fitness

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Herr Brand, wenige Tage vor der Handball-Weltmeisterschaft im eigenen Land ist die deutsche Nationalmannschaft mit einer ungewöhnlichen Verletzungsserie konfrontiert; teilweise neun Stammspieler waren außer Gefecht gesetzt. Hilft da nur noch Galgenhumor?

Ja, manchmal schon. Aber ich darf für mich ja keine schlechte Stimmung in der Mannschaft haben, ich darf sie auch nicht auf die Mannschaft übertragen und bei jeder schlimmen Botschaft zusammenfallen, das wäre sicherlich auch nicht die richtige Reaktion.

Ist die Mannschaft dennoch auf einem guten Weg?

Ich denke schon. Aber ob das nun Weltspitze darstellt, wie das von uns eingefordert wird und wie die Jungs das auch haben wollen, das lassen wir mal dahingestellt. Gestern haben wir zwar gegen Ägypten verloren, aber enttäuscht bin ich darüber nicht. Wir haben phasenweise ja gut gespielt. Und die beiden vorherigen Tests gegen die starken Ungarn waren auch okay, weil sich die Mannschaft gewehrt hat und die Ruhe bewahrt hat in kritischen Situationen.

Kann man das Verletzungspech nicht auch ins Positive drehen und sagen, dass die nachrückenden Spieler sich besser als erwartet entwickelt haben?

Es war immer so, dass positive Effekte wegen des Verletzungspechs anderer rumkamen. Es ist nur die Frage, ob die Leute tatsächlich bei der Weltmeisterschaft dann dieses konstante hohe Leistungsniveau bringen können. Das müssen wir abwarten. Aber es stimmt schon: Es ist ein klarer Aufwärtstrend und Leistungsanstieg innerhalb der Mannschaft zu erkennen, vom Kampf her, vom Auftreten her – auch bei Leuten, die, wie Kreisläufer Sebastian Preiß oder Linksaußen Dominik Klein, bisher in der zweiten Reihe standen. Aber wir brauchen auch die Spieler aus der ersten Reihe, allen voran Markus Baur und Oleg Velyky.

Wer sind die Favoriten dieses Turniers?

Zuallererst Europameister Frankreich, die haben mit Daniel Narcisse, Jerome Fernandez und Nikola Karabatic herausragende Individualisten im Rückraum. Dazu natürlich die erfolgreichsten Mannschaften der letzten Jahre: Weltmeister Spanien und Olympiasieger Kroatien. Und natürlich die Dänen, die über eine gute Grundausbildung verfügen und einen sehr homogenen Kader haben.

Und was ist mit den Deutschen?

Wir zählen als Gastgeber automatisch zum Favoritenkreis, aber das mit dem Verletzungspech sollte aufhören. Das erste Ziel ist es, das Viertelfinale zu erreichen. Sollten wir das überstehen, ist alles drin.

In einigen Testspielen des Herbstes wirkten nicht alle Spieler immer hoch motiviert. Ist der Eindruck richtig, dass die Mannschaft seit Neujahr viel fokussierter ist auf die Weltmeisterschaft, dass die Konzentration gestiegen ist?

Das habe ich schon in der ersten Besprechung gesagt, dass sich die Spieler jetzt von allen anderen Dingen lösen können. Ich weiß, dass es vor Silvester Verantwortliche in der Liga gab, die zu ihren Spielern sagten: ‚Mach mal langsam am Wochenende.‘ Obwohl das Quatsch ist, weil dann das Verletzungsrisiko am größten ist. Davon konnten sich vielleicht ein paar Spieler nicht lösen, obwohl eine WM im eigenen Land das Größte ist. Aber das ist jetzt sicherlich anders. Jetzt gibt es keine Entschuldigung mehr. Jetzt gibt es nur noch dieses eine Ziel, auf das wir zuarbeiten.

Was haben Sie in den letzten Wochen gemacht? Auch spezielle Sichtfelduntersuchungen, wie Hockeytrainer Peters sie schon mal durchführen lässt?

Wir Handballer haben so etwas schon einmal in den achtziger Jahren probiert, aber die kurze Vorbereitung, die uns im Januar blieb, lässt solche Experimente dieses Jahr nicht zu. Wir müssen Prioritäten setzen und uns auf klassische Trainingsinhalte beschränken. Das sind Kraft, Grundlagen-Ausdauer, Schnelligkeit, Taktik. Da sind die Hockeyleute sicher in der besseren Position, weil da die Liga nicht so eine dominante Rolle spielt. Im Hockey hat man entsprechend längere Vorbereitungszeiten.

Manche Beobachter hatten vermutet, speziell Stammtorhüter Henning Fritz hätte psychologische Betreuung nötig, weil er zuletzt beim THW Kiel nur dritte Wahl war. Täuscht der Eindruck, dass Fritz in der Nationalmannschaft aufblüht? Hat ihn das Theater in Kiel nicht irritiert?

Bei Henning hat sich schon beim Worldcup in Schweden ein Aufwärtstrend gezeigt. Bei den ersten Spielen dort war er noch recht unsicher. Dann kam dieses Spiel gegen Griechenland, das schon sehr gut war. Wenn auch mit Schwankungen ging doch die Tendenz stetig nach oben. Torwarttrainer Andreas Thiel sagt auch, dass Henning sehr gut trainiert, dass er sich gut bewegt. Das hatte ich aber auch aus Kiel schon gehört: Dass es besser geworden wäre. Es fehlt ihm noch ein bisschen Spielpraxis. Für ihn wäre es wohl besser, wenn wir noch ein paar Spiele mehr in der Vorbereitung gehabt hätten.

Sie selbst wirken inzwischen topfit, durchtrainierter und schmaler als noch vor zwei Jahren …

… Gott sei dank, dass ich dafür etwas tun konnte. Vor zwei Jahren konnte ich ja wegen meines Rückens nichts mehr machen. Jetzt bin ich viel gelaufen, auch zwischen Weihnachten und Neujahr, und auch bei den Jungs war ich ein paarmal mit dabei. Ein paar Kilo sind gefallen. Aber ich habe auch ein bisschen vorsichtiger gegessen.

Es wird gemunkelt, dass Sie nach der WM zurücktreten. Oder machen Sie Ihre Zukunft vom Abschneiden bei dem Turnier abhängig?

Ich werde meinen Vertrag bis 2008 erfüllen, wenn beide Seiten das wünschen. Mein erster Ansprechpartner wird immer der Deutsche Handball-Bund bleiben. Dann werden wir einfach weitersehen. Wir werden sicher noch im Laufe dieses Jahres sprechen. Aber ich muss auch ein bisschen langfristiger planen. Bei der Besetzung des Bundestrainerpostens sollte man auch nicht unter Zeitdruck geraten.

Gibt es eine Tendenz? Sie haben schon 2003, bevor Sie verlängerten, mit einem Engagement im Ausland geliebäugelt.

Das ist sicherlich ein Thema oder kann eines werden. Aber da ist man abhängig von den Möglichkeiten, die sich dann ergeben. Das muss schon sportlich attraktiv sein, und eine gewisse Lebensqualität muss dabei sein. Ich werde sicherlich keine Experimente mehr starten.

Auch nicht in der Bundesliga?

Das müsste schon etwas Besonderes sein. Etwas Normales kann ich mir da eigentlich nicht vorstellen.

Was hat einen höheren Stellenwert: der Gewinn der WM 1978 als Spieler oder der WM-Triumph 2007 als Trainer?

Beides hat einen sehr hohen Stellenwert. Aber man das nicht miteinander vergleichen. Als Spieler ist alles schöner, da hat man den direkten Einfluss. Als Trainer hat es aber auch eine große Bedeutung, aber der Unterschied ist: Es ist heute mein Beruf. Als Spieler war es damals mein Hobby, auch wenn es ein paar Mark gab.

Das Gespräch führte Erik Eggers.

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