Nach der Derbypleite : Zukunft von HSV-Trainer Veh ungewiss

Sieger St.Pauli feiert Torschütze Asamoah und Ersatztorwart Pliquett.

Frank Heike
Armin Veh ist weiterhin alles andere als unumstritten beim HSV.
Armin Veh ist weiterhin alles andere als unumstritten beim HSV.Foto: dpa

Er ist ein etwas durchgedrehter Typ ohne jede Bundesliga-Erfahrung, eigentlich eher Fan seines Vereins als Angestellter. Einer, der die anderen beim Training mit seinem ständigen Gerede nervt, der mit seiner guten Laune aber auch wie das Maschinenöl im Getriebe eines Klubs wirken kann. Seit Mittwoch kennt zumindest jeder Hamburger Fußballfan diesen Torwart mit den eher bescheidenen Fähigkeiten: Wie Benedikt Pliquett Sekunden nach dem Schlusspfiff in seinem „Derbysieg!!!“-T-Shirt zu seinem Trainer Holger Stanislawski flitzte und sich herzen ließ, dürfte eines der Bilder dieser Saison werden. Vielleicht war Pliquetts erster Bundesliga-Einsatz beim historischen 1:0 im Spiel des FC St. Pauli beim Hamburger SV am Mittwoch allerdings auch sein letzter.

Der Aufsteiger ist nun das beste Team der Rückrunde, was eher wenig mit Pliquett, aber viel mit Stanislawski zu tun hat – was dieser Fußball-Lehrer anfasst, wird zu Gold. Am Mittwoch nahm er überraschend den formstarken Kessler aus dem Tor und ließ den Novizen Pliquett spielen. „Pliquett wäre eigentlich schon beim Hinrundenspiel in Köln dran gewesen, da wollte ich aber sehen, wie Kessler mit der Drucksituation umgeht“, sagte Stanislawski. Kessler ist eine Leihgabe des 1. FC Köln. „Wir können den Jungs nicht immer im Training sagen, wir bauen auf sie, aber lassen sie es dann nie zeigen“, fuhr Stanislawski fort. Also versprach er Pliquett den Einsatz im Derby. Und hielt Wort.

Mancher machte Pliquett später zum Matchwinner, zum Helden des Abends – das war durch seine Leistung nicht zu rechtfertigen. Pliquett wackelte ein paar Mal ordentlich, und wenn er den Ball mit dem Fuß klären musste, stockte den St.-Pauli-Fans der Atem. Für die Geschichte des Spiels hatten Trainer und Torwart mit ihrer abenteuerlichen Rochade allemal gesorgt. Zumal Pliquett zwischen 2000 und 2003 erfolglos versucht hatte, beim HSV zum Bundesligaprofi zu werden. Nein, nicht Pliquett, sondern Torschütze Asamoah war der Mann des Abends. Als ehemaliger Schalker hat er größere Derbys erlebt, schönere aber selten. „Ein Derby macht nur Spaß, wenn man gewinnt“, verriet Asamoah. Am Samstag spielt St. Pauli in Dortmund, oder, wie Asamoah sagte: „In Lüdenscheid.“ Dann soll wieder Kessler ins Tor.

Seit 1977 hatte St. Pauli auf einen Sieg beim großen Stadtrivalen warten müssen. Am Mittwoch deutete vor 57 000 Zuschauern zunächst nichts darauf hin, dass der 16. Februar 2011 einen Eintrag in die Geschichtsbücher des Stadtteilklubs erhalten würde. Der HSV begann furios, St. Pauli hatte alle Mühe, die Defensive vernünftig zu organisieren. Die Überraschung bahnte sich an, als Asamoah nach einer Stunde per Kopf zur Führung traf.

„Das ist ein wahnsinniger Rückschlag für uns“, sagte David Jarolim. Mehr noch: die Derby-Niederlage passt in eine Spielzeit, in der der HSV kein Fettnäpfchen auslässt. Gerade hatte die gute Rückrunde von den Führungssorgen abgelenkt; nach der Niederlage dürften alle mühsam befriedeten Konflikte wieder aufbrechen. Trainer Armin Veh wirkte ratlos. „Wir müssen versuchen, wieder aufzustehen, aber es wird ein paar Tage dauern, bis wir das verkraftet haben“, sagte er. „Ich wollte unbedingt vermeiden, in der Gruselgalerie zu hängen.“ Dort hängt Rudi Gutendorf als erster und einziger HSV-Trainer, der ein Derby in der Bundesliga verlor. Vor 33 Jahren. Vehs Zukunft scheint zwei Tage vor dem nächsten Derby am Samstag gegen Werder ungewisser denn je.

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