Sport : Nach der Fusion ist vor der Reform

Welche Aufgaben auf DOSB-Chef Bach warten

Robert Ide[Frankfurt am Main]

Richard von Weizsäcker äußerte seinen Wunsch am Ausgang der Paulskirche. „Der Sport muss bei der Kindererziehung gutmachen, was Schulen und Familien nicht leisten“, sagte der Alt-Bundespräsident. Roland Baar äußerte seinen Wunsch auf der Rückfahrt im Zug. „Der Sport muss sich den Olympischen Spielen 2008 in Peking zuwenden“, sagte der ehemalige Ruderer. Grundsätzlich verschieden sind die Ansprüche an den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der am Wochenende in Frankfurt am Main gegründet wurde und nun alle 27 Millionen Vereinssportler unter einem Dach vereint. „Wir sind eben ein ehrgeiziger Verband mit einem breiten Anspruch“, sagt der neue Präsident Thomas Bach. Aus diesem Anspruch leitet Bach die Forderung an die Politik ab, den Sport im Grundgesetz zu verankern: „Das entspricht längst der Lebenswirklichkeit.“ Wie aber sieht die Lebenswirklichkeit des Verbandes aus, der mit einer ambitionierten Zeremonie in der Paulskirche entstand? Welchen Zielen will er sich widmen, wie muss dafür die Arbeit organisiert werden? Diesen Fragen müssen sich Bach und sein umstrittenes Team, das ohne Gegenkandidaten zur Wahl stand, jetzt zuwenden.

In seiner Grundsatzrede hatte Bach den 90 000 Sportvereinen Reformen vorhergesagt. „Eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten bedeutet eine Flexibilisierung der Sportzeiten“, sagte Bach, der individuelle Programme für Freizeit-, Fitness- und Seniorensportler einforderte. Zudem sollen sich Vereine mehr in Ganztagsschulen engagieren. Wie die Vereine, meist getragen von ehrenamtlichen Trainern, die Zusatzleistungen erbringen und gleichzeitig Erziehungs- und Integrationsaufgaben übernehmen sollen, muss erarbeitet werden.

Auch im Spitzensport sind neue Konzepte fällig. In Einzelsportarten mahnt der scheidende Sportbund-Chef Manfred von Richthofen, der zum DOSB-Ehrenpräsidenten bestimmt wurde, eine Konzentration an. Bach fordert einheitliche Leistungsstandards für die Olympiastützpunkte und mehr Eliteschulen. Diese Aufgaben erwarten den Vizepräsidenten Leistungssport Eberhard Gienger, dessen Kompetenz nicht nur wegen unbedachter Doping-Äußerungen angezweifelt wird und dem seine Doppelrolle als CDU-Abgeordneter noch Probleme bereiten könnte. „Ihm muss klar werden, dass er sich nicht zurücklehnen und den Aufsichtsrat spielen kann“, warnt der bisherige Leistungssportchef Ulrich Feldhoff.

Die Organisation der Arbeit dürfte im Verband noch Diskussionen auslösen. Bach hat intern angekündigt, das neue Präsidium wie einen Aufsichtsrat arbeiten zu lassen und den hauptamtlichen Mitarbeitern mehr strategische Aufgaben zu übertragen. „Und wer soll die Tagesgeschäfte erledigen?“, fragen Funktionäre hinter vorgehaltener Hand. Vielleicht unterschätzen sie aber Bachs Ehrgeiz. Der neue Präsident hat sich vorgenommen, trotz seiner Verpflichtungen als IOC-Vize oft in der Frankfurter Verbandszentrale präsent zu sein. „Die Übergangszeit für die Fusion plane ich bis mindestens Ende 2007“, sagte Bach auf Nachfrage. „Geglückte Unternehmensfusionen dauern auch so lange.“

Bachs erste Aufgabe ist die Zusammenführung der bisher getrennten Verbände. Der Deutsche Sportbund (DSB) bringt 117 Mitarbeiter ein, das Nationale Olympische Komitee 23. Parallele Abteilungen müssen fusionieren, die Abläufe werden ab Donnerstag auf einer Klausurtagung bei Aschaffenburg beraten. Auch die unklare Finanzlage wird dort zur Sprache kommen, zumal der Sportbund in den vergangenen vier Jahren 11,5 Millionen Euro mehr ausgegeben als eingenommen hat. DSB-Rechnungsprüfer Klaus Wilkens kritisierte diese Praxis und kündigte seinen Rückzug an. Bach plant einen Kassensturz noch in dieser Woche. „Danach werden wir sehen, was uns erwartet und was wir leisten können“, sagt der DOSB-Chef. Thomas Bach hat sich viel vorgenommen. Aber noch weiß auch er nicht genau, welche Wünsche sein neuer Dachverband wirklich erfüllen kann.

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