Sport : Nach vorn gedacht

Hockeytrainer Bernhard Peters hat die Neuerungen von Jürgen Klinsmann längst in der Praxis erprobt

Stefan Hermanns[Leipzig]

Länderspiele der deutschen Hockey-Nationalmannschaft sind nicht gerade ein Publikumsrenner. Manchmal kommen nur ein paar hundert Leute. Doch als die deutschen Männer im Mai in Mülheim gegen Holland spielten, saßen immerhin 1800 Zuschauer auf den Rängen, darunter mit Ralf Rangnick, dem Trainer des FC Schalke 04, sogar ein besonders prominenter. Es war so etwas wie ein Gegenbesuch des Fußballtrainers. Ein paar Monate zuvor hatte Bernhard Peters, der Hockey-Nationaltrainer, bei Rangnick in Schalke hospitiert. „Wenn man sich bemüht, den Transfer richtig hinzubekommen, können beide Sportarten voneinander lernen“, sagt Peters.

Bisher ist der Transfer fast ausschließlich in eine Richtung verlaufen. Peters, 45 Jahre alt, hat schon einigen Kollegen aus der Fußballbranche bei der Arbeit zugeschaut. Er war bei Hans Meyer und Holger Fach in Mönchengladbach, bei Rangnick in Schalke, und zuletzt hat er in Mainz beobachtet, wie Jürgen Klopp mit seiner Mannschaft ein funktionierendes Pressing trainieren lässt. „Ich versuche immer wieder, von anderen Trainern zu lernen“, sagt Peters. Die Erkenntnis, dass auch die Fußballtrainer etwas vom Hockey lernen könnten, ist allerdings noch nicht besonders weit verbreitet.

Dabei kann Peters inzwischen auf eine ziemlich gute Referenz verweisen. Ende des vergangenen Sommers, nur wenige Tage nach den Olympischen Spielen, bekam er einen Anruf von Jürgen Klinsmann. Der war gerade erst zum Bundestrainer der Fußball-Nationalmannschaft berufen worden und hatte vom ZDF-Reporter René Hiepen den Tipp bekommen, sich mal mit Peters in Verbindung zu setzen. Ein paar Wochen später, vor dem Fußball-Länderspiel der Deutschen gegen Brasilien, saßen die beiden Trainer in Berlin zusammen, Peters erläuterte seine Arbeitsweise, und Klinsmann notierte eifrig. „Er hat quasi einen ganzen Block voll geschrieben“, sagt Peters. „Später habe ich mich dann in manchen seiner Äußerungen und Methoden wiedererkannt.“

Braucht der große Fußball etwa Nachhilfe vom kleinen Hockey? Wahrscheinlich ist genau das die falsche Frage. Die richtige lautet: Was kann ein Berufsanfänger wie Jürgen Klinsmann von einem erfahrenen Trainer wie Peters lernen? Seit ihrem ersten Treffen in Berlin tauschen sich Klinsmann und Peters regelmäßig per E-Mail aus. Der Fußball-Bundestrainer hat den Hockey-Bundestrainer auch gefragt, welche Sportpsychologen er denn kenne. „Nimm mal den Hans-Dieter Hermann“, sagte Peters. „Und dann hat er den genommen.“

Peters arbeitet schon seit seinem Amtsantritt als Bundestrainer im Herbst 2000 regelmäßig mit einem Sportpsychologen zusammen, und auch sonst hat er viele der vermeintlich revolutionären Klinsmannschen Ideen längst erfolgreich in der Praxis erprobt. Peters hat ein Videoanalysesystem mitentwickelt, das er inzwischen mehreren Fußball-Bundesligisten vorgestellt hat. Und schon seit Jahren befehligt er bei der Nationalmannschaft ein Team von Spezialisten, die gezielt mit seinen Spielern arbeiten. „Man muss eine Mannschaft so individuell trainieren, wie es geht“, sagt Peters. Der Unterschied zum Fußball ist, dass die Boulevardmedien nicht gleich den Weltuntergang wittern, wenn die deutschen Hockeyspieler sich von einem Australier in der Kunst des Torschusses unterweisen lassen.

„Der deutsche Fußball läuft in vielen Teilen weit hinter der Musik her“, sagt Peters. „Er ist immer noch einem Traditionsdenken verhaftet.“ Dass der Hockeysport in Deutschland in vielem moderner tickt, ist keineswegs neu. Die kleine Sportart war wegen ihrer begrenzten Möglichkeiten immer schon zu kreativem Denken gezwungen. Beim Deutschen Fußball-Bund hat erst die verkorkste EM 2004 den Leidensdruck so weit erhöht, dass der Verband für einen Reformer wie Klinsmann und seine Ideen empfänglich wurde.

Bernhard Peters hat sein Amt unter ähnlichen Bedingungen angetreten wie Klinsmann. Von den Olympischen Spielen in Sydney waren die Deutschen statt mit der garantierten Medaille als Fünftplatzierte zurückgekehrt. Schlimmer noch als das reine Ergebnis war jedoch das Design des deutschen Spiels gewesen: Die Mannschaft wollte sich mit unattraktivem Sicherheitshockey durch die Vorrunde schummeln. „Wir haben uns nicht getraut, offensiv zu denken“, hat Nationalspieler Tibor Weißenborn einmal gesagt. Peters hat diese Fesseln gelöst, und seitdem sind die Deutschen mit ihrem offensiven und aggressiven Spiel Welt- und Europameister geworden. Bei der heute beginnenden EM in Leipzig zählen sie fast zwangsläufig wieder zu den Favoriten.

Jürgen Klinsmann schätzt an Peters dessen „Art der Leistungsdiagnostik und seine Methodik, einzelne Spieler zu analysieren“. Auch über das Coaching, die Ansprache und die Führung der Mannschaft haben Peters und Klinsmann sich intensiv ausgetauscht. Der Hockey-Bundestrainer hält dazu nicht nur Vorträge in der freien Wirtschaft, sondern auch beim Trainerlehrgang des DFB. Peters sagt: „Es gab wenige Gruppen, wo so viel mitgeschrieben wurde.“

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