Sport : Nachbars Neid

Werder Bremen fehlt in dieser Saison ein Schritt zur Spitze, dem Hamburger SV fehlen zwei

Steffen Hudemann[Hamburg]

Beinahe wäre der Konvoi zu spät gekommen. Der gesamte Vorstand des SV Werder Bremen hatte sich am Nachmittag auf die A 1 Richtung Hamburg begeben, um das Spiel seiner Mannschaft zu verfolgen. Doch vor dem Elbtunnel staute sich der Verkehr, und so konnten sich die Herren aus der Führungsetage im Stau unmittelbar davon überzeugen, welche Anziehungskraft das Duell für die Fans in Bremen immer noch hat. Trotz Champions League ist das Nordderby für viele der 6000 Werder-Fans, die zum 2:1-Sieg ihrer Mannschaft nach Hamburg gepilgert waren, das wichtigste Saisonspiel.

Der HSV, früher unumstrittene Nummer eins im Norden, hat gegenüber Werder an Boden verloren. 22 Jahre liegt die letzte Meisterschaft des HSV zurück, in dieser Zeit haben die Bremer dreimal den Titel geholt. „Ihr seid das Tor zur Welt, wir haben den Schlüssel dazu“, spotten die Werder-Fans gerne. In dieser Anspielung auf die Wappen beider Stadtstaaten liegt inzwischen eine tiefere Wahrheit. Denn der HSV sieht in dem Klub aus der kleineren Hansestadt ein Vorbild, den Schlüssel zum Erfolg. Mit Trainer Thomas Doll hat sich Hamburg für einen bescheidenen, unerfahrenen Trainer aus dem eigenen Klub entschieden, ganz nach dem Beispiel des Werder-Trainers Thomas Schaaf. Und am Samstag sprach Doll nicht ohne Neid über den Konkurrenten von der Weser. Mehrfach sagte er, dass Werder die „Abgebrühtheit und Cleverness hat, die uns noch fehlt“. Schaaf hörte das gern, schließlich hatte er in dieser Saison nach den Spielen gegen Bayern oder Lyon dasselbe sagen müssen.

„Unsere letzten Spiele waren nicht so berauschend“, sagte Bremens Fabian Ernst, „deshalb war das heute ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.“ Wenn Werder in dieser Saison noch ein Schritt zur Spitze fehlt, fehlen dem HSV zwei. Bremen gewann deshalb, weil sich die Abwehr des HSV einen Aussetzer mehr erlaubte – und Werder die aus den Abwehrleistungen beider Teams entstandenen Chancen besser nutzte. Bremens Sportdirektor Klaus Allofs verlor deshalb auch nicht den Blick für die Realität: „Wir machen immer noch zu viele Fehler, vor allem, wenn man sich den Gegentreffer ansieht.“ Es war der 1:1-Ausgleich der Hamburger, bei dem sich die Abwehrschwäche des Meisters offenbarte. Ein Haken von Mehdi Mahdavikia genügte, um Ludovic Magnin so ins Leere laufen zu lassen, dass die Bremer Verantwortlichen später beim Betrachten der Fernsehbilder immer wieder fassungslos die Köpfe schüttelten.

Werders Abwehrproblem wird sich durch die Verpflichtungen von Nationalspieler Patrick Owomoyela und Torwart Tim Wiese etwas entspannen. Auch der HSV hätte Owomoyela gern geholt, konnte aber in den Verhandlungen ebenso wenig mithalten wie im Rennen um Thomas Hitzlsperger, der sich für Stuttgart entschied, oder Zlatan Bajramovic, der wohl zu Schalke gehen wird.

Die Bremer haben nach dem Sieg noch alle Chancen auf den dritten, durch die Schalker Niederlage vielleicht sogar auf den zweiten Platz. Sollte Werder sich in diesem Jahr mit Rang vier oder fünf begnügen müssen, können sich die Bremer wenigstens über einen Erfolg freuen, der vielen Fans ebenso wichtig ist wie die Teilnahme an der Champions League. „Es ist natürlich schön“, sagte auch Klaus Allofs, „wenn man behaupten kann, dass man die Nummer eins im Norden ist.“

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