Sport : Nachspiel: Die Raute im Herzen

Wenn man sich mit den Fehlentwicklungen des modernen Fußballs beschäftigt, kommt man irgendwann an Jean-Marc Bosman nicht mehr vorbei: Bosman ist das Böse. Der frühere belgische Fußball-Profi hat einst für seinesgleichen das Recht auf freie Arbeitsplatzwahl erkämpft, und seine Kollegen nutzen diese Freiheit inzwischen schamlos aus, weil sie mit jedem Jobwechsel eine Menge Geld verdienen können. Für die Identifikation mit dem Verein sind hingegen nur noch die Anhänger in der Kurve zuständig. Gott sei Dank gibt es Ausnahmen.

Marcel Ketelaer hat am Samstag auf dem Mönchengladbacher Bökelberg im weißen Hemd der Borussia vor der Nordkurve mit den Gladbacher Fans den Sieg seiner Mannschaft gefeiert. So weit nichts Ungewöhnliches. Nur dass Marcel Ketelaer bereits das Trikot seines Gegenspielers Max Eberl trug und an diesem Nachmittag mit dem Hamburger SV 1:2 verloren hatte.

Seit zwei Jahren spielt der Linksaußen beim HSV, aber glücklich ist er in Hamburg nicht geworden. Fünf Millionen Mark kassierten die Gladbacher für den Transfer des Nachwuchsmannes, den sie so gerne behalten hätten. Er werde es in Hamburg nicht schaffen, sagten die Vereinsoberen damals, und ein wenig klangen sie wie enttäuschte Liebhaber. Dass sie am Ende Recht behalten haben, macht die Sache nicht besser. Ketelaer sitzt beim HSV meistens auf der Bank. Vielleicht denkt er deshalb um so lieber an seine Zeit in Mönchengladbach zurück.

Als Ketelaer 1984 mit sechs Jahren bei Borussia Mönchengladbach angemeldet wurde, spielten noch Frank Mill, Winfried Schäfer und Hans-Günter Bruns für den Verein. "Meine Familie ist Borussia", hat Ketelaer am Samstag gesagt. "Und wenn der Sohn gegen den eigenen Verein spielt, ist das schwierig." Ketelaer trägt die HSV-Raute auf dem Trikot, aber die Borussen-Raute im Herzen, und am Samstag spielte er so, als sei er immer noch Gladbacher. Im Sommer will er Hamburg verlassen. Sein Vertrag läuft bis 2004, groß verdienen kann er an einem Wechsel also nicht. Aber manchmal ist Geld eben nicht alles. Marcel Ketelaer weiß das jetzt.

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