Sport : Nachspiel

Tunesien wird vielleicht die Handball-WM 2005 entzogen – dann könnte Deutschland einspringen

Erik Eggers

Köln. Wird Deutschland doch noch Ausrichter der Handball-Weltmeisterschaft 2005? Diese Frage ist noch unbeantwortet und kompliziert und hat zu tun mit vielen Dingen: mit Hallenkapazitäten, einer skandalumwitterten Olympia-Ausscheidung in Angola, mit offenkundiger Schiedsrichterbestechung und einem schwer beleidigten Präsidenten des Handball-Weltverbandes IHF.

Die Chancen Deutschlands stehen jedenfalls wieder gut. Womöglich wird Tunesien, das auf dem IHF-Kongress 2003 in St. Petersburg für alle Beobachter überraschend die WM 2005 zugesprochen bekam, diese Veranstaltung noch kurzfristig entzogen. Damit drohte jedenfalls der ägyptische IHF-Präsident Hassan Moustafa am Rande des Supercups in Leipzig und Riesa. „Der tunesische Verbandspräsident hat Dinge bei der Bewerbung versprochen, die nun nicht eingehalten werden“, sagt Moustafa. Streitpunkt sind vor allem die Hallenkapazitäten für die Halbfinals und das Endspiel, die mindestens 10000 Zuschauern Platz bieten müssen und nun laut IHF-Präsident nicht fertig sind oder überhaupt nicht gebaut werden. Dem Ägypter zufolge spielen die tunesischen Veranstalter bei diesem Problem auf Zeit, er aber möchte eine Wiederholung der peinlichen Vorfälle bei der WM 2003 in Portugal verhindern. Dort waren einige Hallen bei WM-Beginn nicht fertig gestellt.

Wenn nun auch Tunesien ausfällt, wird es knapp bis zum WM-Turnier im Januar 2005. Doch der Präsident ist sich sicher, dass die seinerzeit unterlegenen Mitbewerber Deutschland, Norwegen und Russland „ein solches Turnier schnell organisieren können“. Dass die IHF eine derartige Veranstaltung kurzfristig entziehen und neu vergeben kann, zeigt das Beispiel der anstehenden Frauen-WM in Kroatien, die ursprünglich nach Holland gegangen war. Eine Kommission soll nun die tunesischen Bedingungen kontrollieren und dem 18-köpfigen IHF-Rat einen Bericht vorlegen. Diese Exekutive des Weltverbandes tagt Ende November am Rande eines außerordentlichen IHF-Kongresses in Basel. „Für gewöhnlich folgt der Rat dem Vorschlag des Präsidenten, wenn die Gründe stichhaltig sind“, verlautete dazu von der IHF aus Basel.

Die Stichhaltigkeit der Gründe scheint freilich nicht unbeeinflusst von einer Fehde zwischen dem ägyptischen IHF-Präsidenten und dem tunesischen WM-Ausrichter. Diese nahm ihren Ausgang beim Ausscheidungsturnier im September in der angolanischen Hauptstadt Luanda um das einzige afrikanische Olympiaticket für die Spiele 2004 in Athen. Dort kam es vor dem entscheidenden Spiel zwischen Tunesien und Ägypten zu seltsamen Dingen: Das portugiesische Schiedsrichtergespann Goulao/Macau, das angesetzt war und sich bereits warm gelaufen hatte, wurde zur Überraschung eine Viertelstunde vor Spielbeginn durch die Slowenen Pozeznik/Repensek ersetzt. Offizieller Grund: Ein Ägypter, der als Wache vor dem Schiedsrichter-Hotel postiert worden war, hatte am Abend zuvor beobachtet, dass die Portugiesen mit dem tunesischen Botschafter um den Block gefahren waren. Der Bestechungsversuch war offenkundig. Die Slowenen pfiffen, Ägypten gewann 31:29. Kurz vor Schluss zettelten die Tunesier eine Massenschlägerei an, Fans warfen Flaschen auf das Feld und auf die ägyptische Bank. Und sie beschimpften den IHF-Präsidenten Moustafa, der den Sieg seiner Ägypter auf der Ehrentribüne verfolgte. Dabei waren die Handzeichen, die Spieler und Offizielle Richtung Moustafa sandten, eindeutig: Sie warfen dem Ägypter Bestechung vor.

Und tatsächlich, so verlautet aus IHF-Kreisen, sollen die Slowenen mit 5000 Dollar mehr im Gepäck nach Hause gereist sein. Seitdem sind sie nicht wieder aufgetaucht, eine Einladung für die Frauen-Weltmeisterschaft in Kroatien beantworteten sie nicht einmal mehr. Erinnerungen werden wach an einen Eklat bei der Asien-Meisterschaft im vergangenen Jahr. Dort war ein Schiedsrichtergespann, das den skandalösen 14-Tore-Sieg Katars gegen den hohen Favoriten Südkorea gepfiffen hatte, lebenslang gesperrt worden. Der offizielle Bericht des Weltverbandes zum Eklat von Luanda steht noch aus.

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